Frei Schnauze

Carolin Kebekus polarisiert: Die einen feiern sie, die anderen schütteln bei ihren Comedy-Auftritten nur den Kopf. Dabei verstecken sich hinter dem derben Humor oft ernste Themen: Gleichberechtigung, Demokratie, Mut. Der Faktor Spaß gehört aber immer dazu, selbst bei der Berufswahl.

Carolin, auf der Bühne nimmst du kein Blatt vor den Mund. Hast du in der Oberstufe auch schon selbstbewusst gesagt, was du denkst?
Joa, doch. Ich habe jetzt keinen beleidigt, es gibt ja schon so schlimme Finger in der Schule. So war ich nicht. Aber ich war schon laut und auffällig. Ich hatte erst vor kurzem meine Abizeitung in den Händen und hab da reingeguckt. Da gibt’s doch immer die Zukunftsprognosen, wer später was wird – also Arzt, Heckenpenner oder so. Und bei mir stand „Carolin wird Schauspielerin und Popstar“. Na gut, auf meinen Erfolg als Popstar warte ich noch ...

Wie kam deine Art bei Lehrern an?
Ich war nicht wirklich unbeliebt – aber beliebt war ich auch nicht (lacht). In der ersten Klasse kriegt man ja noch keine Noten, sondern eine Beurteilung. Bei mir stand damals drin, dass ich viel quatsche, eine große Fantasie habe und im Matheunterricht oft aus dem Fenster gucke. Wenn ich darüber nachdenke, beschreibt mich das immer noch ganz gut.

Also war Mathe nicht dein Lieblingsfach?
Im Gegenteil! Sobald jemand nur „Mathe“ gesagt hat, bin ich schon eingeschlafen (macht Schnarchgeräusche). Aber mal davon abgesehen bin ich total gerne in die Schule gegangen. Wir waren eine tolle Oberstufe und der Zusammenhalt war super. Ich denke gerne an meine Schulzeit zurück – weil auch unsere Lehrer toll waren.

War Comedy denn schon immer dein Ding?
Lustig war ich zwar schon, aber als Berufswunsch hat sich das erst entwickelt. In der Oberstufe hatte ich Deutsch- und Bio-Leistungskurs. In Bio hat mich die ganze Evolutionsthematik samt Genetik fasziniert, in Deutsch habe ich am liebsten Theaterstücke gelesen. Aber das hat alles nicht für einen klaren Berufswunsch gereicht. Ich wusste, ich will was studieren, allerdings war ich beim Fach ratlos. Bei Biologie hat mich der Anteil an Chemie abgeschreckt und ich dachte: „Nee, das finde ich furchtbar“. Germanistik war mir zu trocken und so kam ich auf Theaterwissenschaften. Blöd nur, dass der NC damals bei 1,3 lag. Ich hatte aber einen Abi-Schnitt von 2,9. Mein Vater hat gesagt: „Kind, studier’ einfach was anderes“ – doch das wollte ich nicht. Also wurde ich zu einer Wartesemester-Kandidatin und hab die Zeit für ein Praktikum beim Fernsehen genutzt.

Und wie ging es weiter?
Meine Zeit bei der Produktionsfirma der „RTL Freitag Nacht News“ habe ich wie eine Ausbildung erlebt. Ich war insgesamt fünf Jahre dort: erst als Praktikantin, dann als Produktionsassistentin. Anschließend habe ich in der Redaktion gearbeitet und alles fürs Fernseh-Machen gelernt. Zum Beispiel, wie man Texte schreibt und Beiträge schneidet. Ich hatte glücklicherweise auch früh gute Kontakte und dann hat sich alles einfach so gefügt.

Was haben deine Eltern gesagt?
Am Anfang wollten sie schon, dass ich studiere. Aber dann gab es einen Punkt, wo ich schon recht viele Sachen gemacht hatte – zum Beispiel mit Kaya Yanar für die Sendung „Was guckst du?!“ zu drehen. Da hat mein Vater gesagt: „Du kannst ja in einem Jahr immer noch studieren. Wenn du uns brauchst, dann sind wir da.“ Das fand ich cool. Studiert habe ich dann aber nie (lacht).

Hast du einen Tipp in Sachen Berufswahl?
Mach das, was dir Spaß macht – und entscheide nicht nur aus Vernunft. In meinem Jahrgang hatte ich das Gefühl, dass die Leute mit richtig gutem Abitur Medizin studieren, weil man das mit ’nem Einser-Schnitt eben so macht. Wenn man Bock drauf hat, fein. Doch es ist hart, sich für einen Weg zu entscheiden, wenn man das Ziel mit 18 noch gar nicht kennt. Ob man Karriere macht und wann man wo in welcher Firma anfängt. Mein Tipp: Hab keine Angst vor Fehlentscheidungen. Lern dich selbst richtig gut kennen. Zum Beispiel, indem du viele Sachen ausprobierst.

Auf der Bühne probierst du selbst viel aus. Und bringst auch Gags unterhalb der Gürtellinie ...
Ich bin in meinem Humor einfach gestrickt. Ich finde alles lustig, was in der Hose passiert. Wäre ich ein Mann, würde das bestimmt weniger zur Sprache kommen. Als Frau muss man öfter mal auf den Tisch hauen und sagen, was man denkt. Dazu gehören für mich auch vulgäre Witze. Ich hoffe, dass mein Publikum ein Bewusstsein dafür bekommt, dass man sich nicht immer so kleinmachen soll als Mädchen.

Wofür hagelt es besonders heftig Kritik?
In letzter Zeit, wenn ich zu Frauenthemen Stellung nehme. Im Kontext der „me too“-Debatte habe ich ein Interview gegeben und gesagt, dass ich selbst schon unangenehme Situationen hatte und begrabscht wurde. Da schlug mir viel Hass von Menschen entgegen, die keine Frauen mögen. Die gegen Feminismus und Emanzipation sind. Einige haben mir vorgeworfen, ich würde nur auf einen Zug aufspringen wollen. So ein Quatsch. Das Thema ist wichtig – denn ich glaube, dass viele Frauen über sexistische Sachen hinweggucken, die ihnen so begegnen.

Wie gehst du mit Leuten um, die dich im Netz beleidigen?
Gar nicht. Meist sind es ja Beschimpfungen – auf die antworte ich nicht. Es gibt ja niemanden, der bei mir in der Redaktion steht oder bei mir klingelt und sagt: „Können wir mal darüber reden?“ Macht ja keiner. Mich berührt Kritik nur dann, wenn sie berechtigt ist. Wenn ich also meinen Auftritt selbst scheiße fand und jemand schreibt eine Kritik darüber, dann trifft mich das bis ins Mark.

Was machst du, kurz bevor es auf die Bühne geht?
Der Ablauf ist immer ähnlich. Von der Garderobe geht’s in Badelatschen hinter die Bühne. Dort steht ein Stuhl, auf den mein Team „Alpha-Prinzessin“ geschrieben hat. Da warte ich, bis es losgeht und tausche erst kurz vorher Badelatschen gegen hohe Schuhe. Sobald das Intro läuft, sagt mir mein Kollege Dennis noch die Stadt, in der wir gerade sind. Nicht, das ich bei einer Show in Berlin das „Stuttgarter Publikum“ begrüße.

Was kann man sich von dir für Referate abgucken?
Sowas wie alle nackt vorstellen? Ach nee, das würde ich nicht machen, das irritiert. Am besten klappen Referate mit Themen, die einen begeistern. Wenn das Thema doof ist, würde ich einfach so lange nach etwas suchen, das ich interessant finde.

Ist es eigentlich anstrengend, immer witzig sein zu müssen?
Am Ende ist es mein Job – und den möchte ich ja professionell machen. Ansonsten muss ich ja nicht lustig sein. Ich bin ein alberner Mensch und habe große Freude daran, meinen Humor auszuleben.

Danke für das Interview, Carolin.

Das Interview führte Romy Schönwetter

„Hab keine Angst vor Fehlentscheidungen. Lern dich selbst erstmal richtig gut kennen.”
Die Entscheidung für einen Berufsweg ist nicht immer leicht. Eigentlich wollte Carolin „Theaterwissenschaften“ studieren, doch dann fing sie an, beim Fernsehen zu arbeiten. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Frauen in der deutschen Comedy-Welt.
Kebekus sorgt gerne für Lacher. Wer das nicht verpassen will: Ihre Show „PussyTerror TV“ läuft jeden Donnerstag ab 22:45 Uhr im Ersten!
Carolin hat schon fünfmal den „Deutschen Comedypreis“ gewonnen. Ihr Humor: klug und schlagfertig. Das gefällt auch Kollegin Martina Hill (r).
Titel: ganz persönlich Dein Abischnitt: 2,9 
+++ Mathe fand ich schon immer ... scheiße. +++ Wie viele Selfies hast du gerade auf deinem Smartphone? (schaut nach) 300. Steht hier wirklich! +++ Wenn ich für einen Tag Bundeskanzlerin wäre, würde ich ... Frauen genauso viel bezahlen wie Männern. +++ 
Lieber Bühnen-auftritt oder Fernseh-Show? Puh, das ist schwer. Bühne. +++ Zum Lachen bringt mich ... alles, was in der Hose stattfindet. +++ Am meisten nervt mich ... wenn Leute langsam sind. Ich bin echt ungeduldig. +++ Bei Karneval in meiner Heimatstadt Köln denke ich zuerst an ... den Rosenmontagszug.

Weitere spannende Interviews