Groß versus Klein

Studieren im Osten Deutschlands wird immer beliebter. Die Hochschulen sind modern, die Zulassungsbeschränkungen niedrig. Doch wo studiert es sich besser: in Groß- oder Kleinstädten? Vier Studierende, vier Einblicke.

Das Dresdner Elbufer

Aus einem Café klingt Jazzmusik, in der Bar daneben spielen Studenten Billard und im Restaurant gegenüber duftet es nach orientalischen Gewürzen: Dresdens Szeneviertel Neustadt sprüht nur so vor Leben. „Das Vorurteil der tristen Oststadt trifft auf Dresden überhaupt nicht zu“, sagt Moritz Krause. „Die Stadt ist bunt und vielfältig.“ Moritz ist vor drei Jahren vom Schwarzwald in die sächsische Landeshauptstadt gezogen. „Ich habe mich nach dem Abi für das Zusammenspiel unterschiedlicher Kulturen begeistert“, erzählt der 22-Jährige. An der Technischen Universität Dresden hat er mit „Internationale Beziehungen“ den passenden Studiengang gefunden: Das Studium kombiniert die Themen internationale Wirtschaft, Politik und Recht. „Bei den meisten Unis muss man sich für einen der drei Fachbereiche entscheiden“, sagt Moritz. Die TU dagegen bietet mit mehr als 120 Studiengängen eines der breitesten Themenspektren Deutschlands – und damit auch viele außergewöhnliche Fachrichtungen.

„Die Vielfalt aus unterschiedlichen Menschen und Nationen macht das Studentenleben einzigartig.”
Moritz Krause (22), Studienort: Dresden

Laut Moritz ist Dresden zudem ideal, um auch außerhalb des Studiums weltweit Kontakte zu knüpfen. Er hat zum Beispiel ein Semester lang mit einer Spanierin und einer Polin zusammengewohnt. „Drei Nationen in einer Wohnung – das war eine einzigartige Erfahrung“, erzählt er. Für ihn ist klar: „Die Vielfalt der Menschen ist, was eine Großstadt wie Dresden so spannend macht. Besonders in den Studentenvierteln hört man an jeder Ecke eine andere Sprache.“

Liebe auf den zweiten Blick

Ortswechsel, fünfhundert Kilometer weiter nördlich: In Mecklenburg-Vorpommerns größter Stadt Rostock ist Rebecca Heidbrink gerade auf dem Weg zu ihrem Lacrosse-Training. Vor fünf Jahren hat sie den außergewöhnlichen Mannschaftssport an der Universität Rostock entdeckt und spielt ihn seitdem leidenschaftlich gern. „Von Kanu-Polo bis Ultimate Frisbee: Die Uni bietet viele Sportarten, die man einfach mal ausprobieren kann“, sagt sie begeistert. Rebecca hat in Rostock „Biowissenschaften“ studiert und sich nach dem Abschluss für ein Lehramtsstudium entschieden – ebenfalls in der Stadt am Meer. „Zunächst hat mich nur die Uni begeistert, weil ich hier einen Großteil meines ersten Studiums im Ausland verbringen konnte“, sagt sie. Die Universität kooperiert mit Hochschulen in mehr als 30 Ländern, insbesondere in der EU.

„Jeden Abend gibt es eine Bühnenshow oder Live-Musik. Hier ist es nie langweilig.”
Rebecca Heidbrink (28), Studienort: Rostock

„Irgendwann habe ich mich auch in die Stadt Rostock verliebt“, erzählt Rebecca weiter. Vor allem die Kulturangebote haben es ihr angetan – und sind ein echtes Argument für das Leben in der Großstadt. „In der Kröpeliner-Tor-Vorstadt, unserem Studentenviertel, gibt es jeden Abend eine Bühnenshow oder Live-Musik. Und in der großen Kunsthalle findet man immer eine spannende Ausstellung.“ Moritz sieht das genauso: „In Großstädten gibt es unglaublich viel zu entdecken.“ Für ihn ist besonders die Dresdner Semperoper ein Highlight. „Am liebsten gehe ich ganz spontan zur Abendkasse. Da kann man mit Studentenrabatt Tickets für nur zehn Euro abstauben“, verrät er mit einem Augenzwinkern.

Mit kurzen Wegen von A nach B

Während sich Rebecca und Moritz im Großstadttrubel wohlfühlen, hat es Laura Lützow gern etwas ruhiger. Die 20-Jährige studiert „Mechatronik“ an der Technischen Universität in Ilmenau. „Ein Studium in einer Großstadt kam für mich nicht in Frage“, stellt sie klar. „Ilmenau ist sehr übersichtlich, das hat mir von Anfang an gefallen.“ Gerade die kurzen Wege sind für sie ein Argument für die Kleinstadt: „Alles ist zu Fuß erreichbar. Vom Campus bis ins Stadtzentrum brauche ich nur 15 Minuten.“

„Ich mag es gern übersichtlich. Alle für mich wichtigen Orte erreiche ich zu Fuß innerhalb von 15 Minuten.”
Laura Lützow (20), Studienort: Ilmenau

Trotz der geringen Größe ist Ilmenau eine echte Studentenstadt – 30 Prozent der rund 25.000 Einwohner studieren an der TU. Die Chance ist hoch, beim Einkaufen oder bei Partys auf bekannte Gesichter zu treffen. Für Laura ein weiterer Pluspunkt. „Oft ziehe ich einfach alleine los“, sagt sie und lacht. „Vor Ort treffe ich dann immer jemanden, den ich kenne.“ Die famiäre Atmosphäre spiegelt sich auch im Studienalltag wider: „Die Dozenten kennen alle Studierenden namentlich und der Umgang miteinander ist sehr persönlich“, sagt Laura. „Das hat mir vor allem im ersten Semester sehr geholfen: Bei dringenden Fragen, zum Beispiel vor den Prüfungen, konnte ich meine Professoren einfach anrufen.“

Die Hochschule für Naturliebhaber

Auch Timon Becker hat sich bei seiner Studienwahl für eine kleine Hochschule entschieden – für ihn stand dabei der Bezug zur Natur im Vordergrund. Sein Studienort Eberswalde liegt im Nordosten Brandenburgs. Die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde gilt als grünste Hochschule Deutschlands: Sie setzt auf Öko-Strom, heizt mit umweltfreundlichen Holzpellets und ist von 1.400 Hektar Wald umgeben. Damit bietet sie die idealen Bedingungen für Timons Studium „International Forest Management.“ Hier steht der Praxisbezug in der Natur an erster Stelle: „Wir lernen beispielsweise, wie man einen Wald nachhaltig bewirtschaftet“, erklärt der 24-Jährige. Die Studierenden verbringen viel Zeit im Freien, nehmen Bodenproben oder führen Messungen durch. „Dabei entwickeln wir gemeinsam mit den Dozenten auch neue Ideen, um das Hochschulleben noch umweltfreundlicher zu gestalten. Ich glaube, das ist wirklich einzigartig“, sagt Timon.

„Gemeinsam mit unseren Dozenten entwickeln wir Ideen, um das Hochschulleben umweltfreundlicher zu gestalten.”
Timon Becker (24), Studienort: Eberswalde

Timon stellt zudem klar, auch Kleinstädte bieten zahlreiche Freizeitmöglichkeiten: In Eberswalde engagieren sich die 2.000 Studierenden in studentischen Initiativen oder arbeiten im örtlichen Fair-Trade-Café. Und auch der Spaß kommt dabei nicht zu kurz: „Auch wenn es nicht an jeder Ecke einen Club gibt: Eine Hausparty lässt sich überall organisieren.“

Groß oder klein – in welcher Stadt lebt es sich besser?

Das Fazit der vier Studierenden: Wer gern jeden Abend unterwegs ist und es international mag, ist in Großstädten gut aufgehoben. Naturliebhaber, die eine familiäre Atmosphäre bevorzugen, fühlen sich in einer kleinen Stadt wohl. Doch alle sind sich einig: Man muss sich nicht für eine Sache entscheiden. „Von Dresden aus ist man mit dem Zug in 45 Minuten in der sächsischen Schweiz. Einem Wochenend-Trip in die Berge steht also nichts im Weg“, sagt Moritz. Und wenn Timon doch mal Lust auf Großstadt-Feeling bekommt, fährt er von Eberswalde in nur einer halben Stunde nach Berlin – mit dem Studententicket sogar kostenlos.

Autorin: Linda Kauer

Studieren in den neuen Bundesländern

Ostdeutsche Hochschulen sind beliebt: Für viele Abiturienten sind sie laut Bundesministerium für Bildung und Forschung mittlerweile die erste (Studien-)Wahl. Warum? Die Hochschulen sind modern, fordern keinen Numerus Clausus und die Mieten sind bezahlbar. Doch wo studiert es sich im Osten besser? In Großstädten wie Dresden oder in kleineren Städten wie Ilmenau? Der Artikel verrät es dir.

Studieren, feiern, entspannen: In Rostock, der Stadt am Meer, lässt sich alles ideal verbinden.
An der TU Ilmenau herrscht eine familiäre Atmosphäre. Das spiegelt sich vor allem in der Betreuung wider: Dozenten kennen die Studierenden namentlich.

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