„Eine steile Karriere ist nicht das
oberste Lebensziel“

 

Wolfgang Mayhuber wollte Pilot oder Lokomotivführer werden. Bei der Technik ist es geblieben. Im Lufthansa-Hauptquartier empfing er das absolut°karriere-Team

Herr Mayrhuber, Sie sind in der 4.000-Einwohner-Gemeinde Waizenkirchen/Österreich geboren. Ihre Verwandtschaft betreibt dort das Gasthaus „Mayrhuber“, dessen besondere Spezialität „Bratl in der Rhein“ (ein saftiges Stück Schweinefleisch) ist ...

… (lacht) Ja, das ist herrlich! Wirklich wärmstens zu empfehlen …

Aber diese Welt ist doch ziemlich weit weg von der, in der Sie heute leben: Verantwortung für mehr als 500 Flugzeuge samt Besatzung, der harte Konkurrenzkampf mit den anderen Airlines und die ständig steigenden Ölpreise im Nacken. In welcher der beiden Welten fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?
Den Widerspruch, den Sie andeuten, finde ich sehr reizvoll. Meine Wurzeln habe ich nicht vergessen: Die Heimat ist und bleibt Österreich. Zuhause fühle ich mich aber auch bei der Lufthansa. Ich war schon früh neugierig und wollte andere Sachen kennen lernen.

War Ihr Berufswunsch als Schüler deshalb „Pilot“?
Ja, genauso wie Rennfahrer und Lokomotivführer. Aber irgendwann hatte ich dann das Bedürfnis, meine eigene kleine Werkstatt zu betreiben; Traktoren und LKWs zu reparieren, einfach selbstständig zu sein. Und letzten Endes habe ich mich dann für ein Ingenieursstudium an der Höheren Technischen Bundeslehranstalt in meinem damaligen Wohnort Steyr eingeschrieben.

Ihre Eltern hatten ja ursprünglich andere Pläne mit Ihnen …
Ja, sie wollten, dass ich Lehrer werde. Aber das war nicht mein Plan und darum habe ich die Aufnahmeprüfung für das Studium erst mal ordentlich versemmelt … (lacht). Das Ingenieursstudium fand ich viel spannender, weil da gleich Praxis mit dabei war.

Um Lufthansa-Chef zu werden reicht aber fachliche Qualifikation alleine nicht aus. Welche persönlichen Eigenschaften muss man darüber hinaus mitbringen, um karrieremäßig genauso „abzuheben“ wie Sie?
Vom Charakter her ist es wichtig, dass man glaubwürdig und verlässlich ist. Außerdem sollte man Verantwortung aushalten können, eine Vision haben und immer wissen, dass man auch tief fallen kann, wenn man hoch steigt. Man sollte sich fragen, ob man im Falle einer Niederlage immer noch in den Spiegel schauen kann oder sich nur dann wohl in seinem Anzug fühlt, wenn man die richtige Visitenkarte hat.

„Niederlage“ ist ein gutes Stichwort. Seit über 35 Jahren arbeiten Sie nun schon für die Lufthansa. Was war Ihre größte Bruchlandung in dieser Zeit?
Eine richtige Bruchlandung hatte ich eigentlich nicht. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich ganz allmählich in dieses Unternehmen hineingewachsen bin. Ich habe mich hier vom Sachbearbeiter bis zum Vorstandsvorsitzenden entwickelt. Und wenn beim „Hauptabteilungsleiter“ schon Schluss gewesen wäre, dann würde ich heute ebenfalls mit Zufriedenheit auf mein Berufsleben blicken.

2010 möchten Sie bei Lufthansa aufhören. Nun sind Sie aber schon Chef der drittgrößten Airline weltweit. Reizt es Sie denn nicht, noch ein paar Jahre länger dabei zu bleiben? 
Schließlich könnten Sie ja durch Zukäufe anderer Airlines Chef der weltweit größten Fluggesellschaft und irgendwann Herr über den gesamten Luftraum der Erde werden …

(lacht) … Naja, das Ziel „Wir wollen die Welt-Airline werden!“, sollte man nur aussprechen, wenn man es auch wirklich beabsichtigt. Zwar wird die Lufthansa – wie schon in der Vergangenheit mit Swiss– auch zukünftig durch Zukäufe wachsen. Aber das machen wir mit sehr viel Bedacht und werden nichts überstürzen. Vor allen expansiven Ambitionen stehen bei uns Solidität und Kundenzufriedenheit.

Und welche Ziele haben Sie sich für Ihre Zeit nach Lufthansa gesteckt? Machen Sie dann den Pilotenschein?
Nein, um Gottes Willen … (lacht)! Ich denke da an Dinge, die bisher zu kurz gekommen sind: Konzertbesuche, Bücher lesen, mit Freunden Zeit in der Natur verbringen, vielleicht auch mein Wissen als Lehrer weitergeben …

Worauf haben Sie sich denn heute kurz nach dem Aufstehen gefreut?
Oh, das ist schwierig zu sagen. Meine Bürochefin teilt mich immer so ein, dass ich kaum Gelegenheit habe, darüber nachzudenken, auf was ich mich als nächstes freuen könnte … (lacht).

Wie viele Stunden arbeiten Sie denn am Tag?
Zu viele. Ich schätze 12.

Sie sind sicher auch oft mit dem Flugzeug unterwegs…
Ja, so zwei- bis dreimal die Woche.

Begrüßen Sie dann auch jedes Mal die Crew?
Ja, das mache ich grundsätzlich. Die Wertschätzung für die Mitarbeiter ist eine Selbstverständlichkeit für mich. Man bekommt dadurch ja auch ein Gefühl, wie die Stimmung im Unternehmen ist. Und als Vielflieger habe ich das Talent entwickelt, Schwachstellen zu finden.

Welche Schwachstelle haben Sie letztens aufgedeckt?
Ich habe mal den Hinweis gegeben, dass die Staufächer über den Sitzen mehr Gepäck aufnehmen können, wenn man die Trennwände aus den Fächern entfernt. Das wurde von unseren Leuten geprüft und auch tatsächlich umgesetzt, mit dem Ergebnis, dass unsere Fluggäste nun mehr Platz für ihr Gepäck haben.

Und welche Schwäche haben Sie?
Ich habe eine Sauklaue. Schönschrift ist einfach nicht mein Ding.

Auf einer Skala von Eins bis Sechs (Eins = sehr gut, Sechs = ungenügend): Wie bewerten Sie als Hobbykoch das Essen an Bord der Lufthansa?
Das hängt natürlich von der Klasse ab, mit der man reist. Alles in Allem würde ich uns eine Zwei geben.

Sie haben drei Kinder im Alter von 16-29 Jahren. Welchen Karriere-Tipp haben Sie denen zuletzt gegeben?
Gar keinen. Ich sage ihnen immer, dass sie das machen sollen, womit sie glücklich sind. Eine steile Karriere ist nicht das oberste Lebensziel! Ich würde niemandem empfehlen, Karriere als ein isoliertes Ziel zu betrachten, sondern immer als Konsequenz, die sich im Lauf der Zeit aus Chancen ergibt. Ich selbst bin nicht aus Karrieregründen zur Lufthansa gegangen, sondern weil ich mich für Luftfahrt und Technik interessiere.

Stimmt es, dass die zukünftigen Arbeitsbedingungen für Abiturienten viel härter werden als die zu Zeiten ihrer Eltern?
Das Thema Mobilität hat im Vergleich zu früher einen höheren Stellenwert bekommen. Wenn man heute erfolgreich sein möchte, muss man sich fragen, ob man beispielsweise dazu bereit ist, auf den örtlichen Fußballverein zu verzichten und für längere Zeit in einer fremden Stadt zu arbeiten. Aber im Wesentlichen ist es heute nicht schwieriger als noch vor 50 Jahren.

Hierzulande diskutieren wir zehn Jahre über die Erweiterung eines Flughafens, während Dubai in dieser Zeit den größten der Welt baut …
Ja, leider … Kann Deutschland so überhaupt langfristig eine Spitzenposition in der globalisierten Welt einnehmen? Deutschland ist Export-Weltmeister und Import-Vizeweltmeiser, wir liegen geografisch in der Mitte Europas und sitzen damit am Knotenpunkt der Verkehre. An solchen Knotenpunkten werden heute - wie auch schon in der Antike - Geschäfte abgewickelt. Und das müssen wir nutzen und noch viel stärker ausbauen.

Und wo hapert es da noch?
Unsere Infrastruktur muss sich dadurch auszeichnen, dass wir weniger Staumeldungen haben und nicht zusätzliche Engpässe. Wenn der Staat also künftig Widerstände einbaut, so dass Autos und Flugzeuge am Boden stehen bleiben, dann verschenken wir Volksvermögen. Und das sehe ich nicht ein! Der Verkehr muss flüssiger gemacht werden!

Aber ist der Verkehr zu Land und Luft nicht der Hauptschuldtragende für die Umweltverschmutzung und globale Klimaerwärmung?
Falsch! Der Anteil des globalen Luftverkehrs an den weltweiten Treibhausgas-Emissionen ist mit 1,6 Prozent vergleichsweise gering. Zum Vergleich: Emissionen aus Strom- und Wärmeerzeugung machen einen Anteil von knapp 25 Prozent aus. Trotz dieses vergleichsweise kleinen Anteils sehen wir uns in der Pflicht, zum Klimaschutz beizutragen. Wir wollen durch Investitionen in über 170 neue und sparsamere Flugzeuge den CO2-Ausstoß pro Passagier weiter deutlich reduzieren.

Was meinen Sie? Wie oft darf man im Jahr fliegen ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen?
Mobilität war schon immer ein Grundbedürfnis der Menschen. Dafür sollte man niemanden ein schlechtes Gewissen einreden. Und beim Fliegen mit Lufthansa braucht man schon gar kein schlechtes Gewissen haben. Unsere Flotte hat heute einen Durchschnittsverbrauch von nur noch 4,3 Litern pro Passagier auf hundert Kilometer. Wir arbeiten eng mit den Flugzeug- und Triebwerksherstellern zusammen, damit dieser Wert noch weiter sinkt. Das Drei-Liter-Flugzeug ist keine Zukunftsvision sondern mit dem Airbus A380 oder dem neuen Jumbo von Boeing längst Realität.

Was tut die Lufthansa konkret, um den CO2-Ausstoß ihrer Maschinen zu senken?
Wir sparen Treibstoff wo immer das möglich ist – schon im eigenen Interesse angesichts der steigenden Ölpreise, aber natürlich auch weil uns der Schutz unserer Umwelt sehr am Herzen liegt. Durch die verschiedenen Maßnahmen zur Reduzierung des Gewichts, durch verbesserte Aerodynamik unserer Flugzeuge und durch die Optimierung von Streckenverläufen sparen wir jedes Jahr Tausende Tonnen CO2-Emissionen.

Das größte CO2-Einsparpotenzial liegt allerdings bei der Politik. Würde man endlich einen einheitlichen europäischen Luftraum schaffen, könnten von heute auf morgen 15 Prozent des CO2-Ausstosses der gesamten europäischen Luftfahrt eingespart werden. Eine Politik, die sich zum Klimaschutz bekennt, müsste dieses Projekt viel konsequenter vorantreiben.

Wer ist Ihr Vorbild? 
Vor welcher Lebensleistung haben Sie besonderen Respekt?

Ich werde nie vergessen: Als ich in Hamburg für den Triebwerksbereich tätig war und überraschend eine Einladung zur Hochzeit der Tochter eines Mitarbeiters bekam. Ich hatte zu diesem Mitarbeiter, der in der Teilereinigung tätig war, kaum Kontakt, hatte vielleicht ein, zweimal mit ihm gesprochen. Und da habe ich mich schon gefragt: Warum lädt der mich ein, der kennt mich doch gar nicht richtig.

Später habe ich herausgefunden, dass er aus einfachsten Verhältnissen aus Spanien nach Deutschland kam, hier eine Familie gegründet und seine zwei Kinder auf die Uni geschickt hat. Er war so stolz, all dies aus eigener Kraft geschaffen zu haben. Vor diesem Menschen habe ich mindestens die gleiche Hochachtung, wie vor echten und vermeintlichen Genies und Berühmtheiten.

Das Interview führten Max Grün und Moritz-Marco Schröder

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„Die Wertschätzung für die Mitarbeiter ist eine Selbstverständlichkeit für mich. Man bekommt dadurch ja auch ein Gefühl, wie die Stimmung im Unternehmen ist”
Bei jedem Flug begrüßt Wolfgang Mayrhuber die Flugzeug-Crew.
Die Lufthansa gibt es schon seit 1926. Seit über 40 Jahren ist Wolfgang Mayrhuber dabei
Für fast 120 000 Mitarbeiter verantwortlich: Wolfgang Mayhuber
Max Grün und Moritz-Marco Schröder entlocken Wolfgang Mayrhuber die besten Karriere-Tipps
Titel: ganz persönlich Abi-Note: 1,6 
+++ Lieblings-Schulfach: Sport 
+++ Als Kind wollte ich: Pilot werden +++ 
Das macht mir Spaß: Mit Freunden Skifahren +++ 
Erstes Geld verdient mit: dem Austragen von Zeitungen 
+++ Von Zuhause weg mit: 18 +++ 
Lieblingsessen: Ich bin ein „Nachtisch-Tiger“

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