„China lohnt sicht für Abiturienten“

Der erste Reisetermin führt uns an die Deutsche Botschaft in Peking. Dort wollen wir von Botschafter Dr. Volker Stanzel wissen, was China deutschen Abiturienten zu bieten hat, wie sein Arbeitstag aussieht und was man alles draufhaben muss, um Diplomat zu werden. Nach Passieren der Ausweiskontrolle am schwer gesicherten Botschaftseingang müssen wir noch zwei Minuten vor Stanzels Büro warten. „Wichtiges Telefonat aus Deutschland“, heißt es. Von drinnen meinen wir Gesprächsfetzen wie „ja, Frau Bundeskanzlerin … äußerst wichtige Sache … Abflug nach Berlin morgen um Zwölf …“ aufzuschnappen. Dann geht die Tür auf. „Guten Tag die Herren, bitte treten Sie ein!“ Endlich kann es losgehen

Botschafter Dr. Volker Stanzel in seinem Büro in Peking. Er schätzt vor allem Termine, bei denen er direkt mit dem Denken der Menschen in China in Kontakt kommt

Herr Botschafter, in Deutschland ist derzeit überall die Rede vom großen China-Boom. China steht für Aufbruch, Erfolg und unbegrenzte Möglichkeiten. Immer mehr deutsche Unternehmen drängen deshalb samt Mitarbeitern ins Reich der Mitte. Aber lohnt es sich auch für deutsche Abiturienten, das Land zu besuchen?
Was für eine Frage, natürlich lohnt sich China auch für Abiturienten! Ihr kommt hier mit einem Kulturkreis in Berührung, der von einem völlig anderen Denken geprägt ist. Es ist äußerst lehrreich, aber vor allen Dingen auch spannend und unterhaltsam, seine eigene Einstellung und sein eigenes Weltbild mit den hier herrschenden Ansichten zu vergleichen. Wenn ihr nach eurem Abitur nach China reist, werdet ihr sehr schnell merken, wovon ich spreche.

Und welche Möglichkeiten hat man als Abiturient konkret, wenn man hier nicht nur touristisch unterwegs sein möchte, sondern China richtig kennen und verstehen lernen will?
Da empfehle ich euch zum Beispiel ein Praktikum bei einer chinesischen Firma in Peking, Shanghai oder Hongkong. Es gibt in Deutschland eine Reihe von Vermittlungsorganisationen, die so etwas für frisch gebackene Abiturienten anbieten. Zusätzlich könnt ihr dann noch einen Chinesisch-Sprachkurs besuchen. Und wer weiß, vielleicht sagt ihr dann sogar: Wow! Es gefällt mir hier so gut, dass ich später hier leben und arbeiten will.

Und wenn man dann nach dem Abi als Praktikant hier startet, was sollte man auf jeden Fall von China gesehen haben?
Reist in die Randgebiete Chinas, durchs Landesinnere, durch Tibet, durch die Mongolei, an die Gren­ze zu Russland, auf die Insel Hainan und versucht mit den Menschen dort in Kontakt zu kommen. So bekommt ihr ein viel umfassenderes China-Bild als wenn ihr euch nur innerhalb der modernen Städte bewegt.

Als wir gestern Abend hier in Peking ankamen, sind wir gleich chinesisch essen gegangen, haben blind von der Karte bestellt und uns den Magen verdorben. Welche chinesischen Speisen können Sie Neuankömmlingen bedenkenlos empfehlen?
Reis in sämtlichen Variationen und Nudelsuppe. Damit seid ihr auf der sicheren Seite.

„Sichere Seite“ ist ein gutes Stichwort. Bei unserer Vorbereitung auf dieses Interview haben wir festgestellt, dass zahlreiche Internetseiten wie Wikipedia oder web.de hier gesperrt sind.
In China werden Zeitungen, Film, Radio, Fernsehen und das Internet kontrolliert und zensiert. Verschiedene Quellen gehen davon aus, dass hier bis zu 30.000 Internetpolizisten überwachen, zu welchen Inhalten die Bevölkerung Zugang hat und zu welchen nicht. Aber das sind nun mal die Bedingungen in diesem Land, die sich mit zunehmender Entwicklung und Öffnung hoffentlich allmählich ändern werden.

Das klingt fast so, als ob Sie diese Gegebenheiten einfach hinnehmen würden.
Nein, überhaupt nicht! Wir führen mit China einen intensiven Rechtsstaatsdialog und Gespräche auf politischer Ebene, bei denen wir immer wieder darauf hinweisen, dass es äußerst problematisch ist, Medienfreiheit und damit auch den öffentlichen Diskurs derart einzuschränken.

Muss man denn als Deutscher in China Angst haben, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten und beispielsweise wegen einer Kleinigkeit inhaftiert zu werden?
Ihr müsst sehen, dass es in diesem Land bis vor ca. 30 Jahren rechtliche Strukturen in unserem Sinne überhaupt nicht gab. Erst seit Beginn der Öffnungspolitik 1978 durch­läuft das Land Schritt für Schritt die Entwick­lung hin zu einem modernen Rechtssystem. Ihr werdet hier also immer wieder mit Situationen zu tun haben, in denen euer Gegenüber überhaupt nicht in unseren rechtlichen Kate­gorien denkt. Zum Beispiel der Polizist, weil ihr bei Rot über die Straße gegangen seid, oder der Bauer, dem ihr die Katze überfahren habt.

Wie sollte man in solch einem Fall handeln?
Generell gilt: Geht Konflikten aus dem Weg und versucht nicht, sie auf eine typisch deutsche Art und Weise zu lösen. In China kommt man oft mit einer Einigung mit den Beteiligten weiter als mit formal juristischen Schritten.

Was können wir Deutschen von den Chinesen lernen und andersherum?
Chinesen, mit denen ich spreche, sehen Genauigkeit und Zuverlässigkeit als typisch deutsche Eigenschaften an. Und das lässt ja Rückschlüsse zu. Was wir von den Chinesen lernen können, ist uns in Geduld zu üben.

Und welche Vorurteile haben Chinesen uns gegenüber?
Von Genauigkeit und Zuverlässigkeit ist es ja nur kleiner Schritt hin zu Stur- und Steifheit … (lächelt).

Das war eine sehr diplomatische Antwort. Was muss man denn eigentlich alles können, um Diplomat zu werden?
Reicht es, sich geschickt auszudrücken? 
Nein, natürlich nicht. Die wichtigste Eigenschaft ist Neugier. Als Diplomat werdet ihr mit so vielen unterschiedlichen Kulturen und Menschen zu tun haben, dass ihr nicht glücklich werdet, wenn ihr kein natürliches Interesse für solche Dinge mitbringt. Wenn mich Abiturienten fragen, ob ich ihnen die Diplomatenlaufbahn empfehle, tue ich das fast immer. Mit einer Einschränkung: Hat man nur ein bestimmtes Interessengebiet, ist die Sache zum Scheitern verurteilt.

Welche Ihrer Aufgaben finden Sie am spannendsten?
Termine, bei denen ich in direkten Kontakt mit dem Denken der Menschen meines Gastlandes komme. Vorträge an chinesischen Universitäten, Diskussionen mit Studenten, Abendessen mit Professoren oder Persönlichkeiten aus dem politischen und kulturellen Leben.

Das Interview führten Max Grün und Moritz-Marco Schröder

„Als Diplomat werdet ihr mit so vielen unterschiedlichen Kulturen und Menschen zu tun haben, dass ihr nicht glücklich werdet, wenn ihr kein natürliches Interesse für solche Dinge mitbringt”
Wer testen will, ob er das Zeug zum Botschafter hat, dem empfiehlt Dr. Volker Stanzel ein Praktikum bei einer chinesischen Firma.
Volker Stanzel im Interview mit absolut°karriere in der Deutschen Botschaft Peking
Nicht besonders einladend – die deutsche Botschaft in Peking, der Arbeitsplatz von Dr. Volker Stanzel
Dr. Volker Stanzel bleibt immer neugierig. Als guter Diplomat ist das wichtig. Hier mit Sheng Huaren, einem chinesischen Politiker
Titel: ganz persönlich Spitzname: Ich habe keinen. +++ 
Abi-Note: Ich werde wohl bei „3, irgendwas“ gelandet sein. 
+++ Als Kind wollte ich: Förster werden. 
+++ Das macht mir Spaß: Lesen und Tanzen 
+++ Erstes Geld verdient mit: Blumen austragen. 
+++ Von zu Hause weg mit: 17 Jahren +++ 
Lieblingsessen: Kanton-Ente und Kanton-Täubchen

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