„Dreck fressen!“

Er gilt als hartnäckiger Verhandler, Schlitzohr und Workaholic. Bei Bayer 04 Leverkusen hat sich Reiner Calmund vom „Mädchen für alles“ bis zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Bei einem ausgiebigen Frühstück mit Spiegelei und Speck gibt uns „Calli“ Einblicke in seine Leidenschaften Essen und Fußball

Reiner Calmund hat sich mit Fleiß, Kompetenz und Ehrgeiz hochgearbeitet. Heute ist er längst in der Top-Fußball-Liga angekommen


Herr Calmund, wann haben Sie eigentlich das letzte Mal selbst ein Tor geschossen?
Oh Gott, da muss ich überlegen! Das ist lange her, fast 30 Jahre. Aber damals hatte ich auch noch keinen Medizinball verschluckt. Später habe ich die Tore lieber schießen lassen.

Im Juni 2004 haben Sie Ihren Job als Geschäftsführer von Bayer Leverkusen aus „körperlichen und mentalen Gründen“ an den Nagel gehängt. Heute sind Sie als WM-Botschafter schon wieder in der ganzen Welt unterwegs. Warum können Sie die Finger nicht vom Fußball lassen?
Fußball ist und bleibt das große Thema in meinem Leben. Ich bin ja die ganze Zeit nicht nur im Büro oder im Stadion gesessen und habe mir die Spiele angeschaut. Während meiner Karriere bei Bayer Leverkusen bin ich um die ganze Welt gereist, habe die unterschiedlichsten Menschen, Länder und Kulturen kennengelernt und viele gute Freunde gefunden.

Fußball ist mehr als ein Sport. Er ist auch eine freundschaftliche Brücke, die zwischen einzelnen Ländern geschlagen wird. Und auf dieser Brücke bin ich all die Jahre gestanden. Das war wahnsinnig spannend und hat einen interessanteren Menschen aus mir gemacht.

Was sind Ihre Aufgaben als WM-Botschafter?
Der Slogan der WM 2006 lautet ja: „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Und ich habe mir auf die Fahne geschrieben, dabei mitzuhelfen, hier in Nordrhein-Westfalen für tolle Stimmung, jede Menge Fußballeuphorie und ein großartiges Wir-Gefühl zu sorgen.

Bei Bayer Leverkusen haben Sie sich von ganz unten bis zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Woher kam Disziplin und die Willenskraft?
Die habe ich von meiner Mutter. Sie war eine tolle Frau und ist bis heute mein größtes Vorbild. Sie hat unsere Familie in den schweren Nachkriegsjahren mit einem unwahrscheinlichen Fleiß und einer wahnsinnigen Energie über die Runden gebracht. Sie hat dafür gesorgt, dass ich eine ordentliche Ausbildung bekomme, zu den Pfadfindern gehe, Messdiener werde und Akkordeonunterricht nehme. Dabei fand sie, was die inneren Werte wie Fleiß, Disziplin und Erfolgshunger anging, in mir einen dankbaren Abnehmer. Aber sie hat auch noch hart dafür gearbeitet, dass genügend Geld in die Haushaltskasse kommt. Damit schuf sie die Rahmenbedingungen, in denen ich erfolgreich sein konnte.

Wir waren die Ersten in unserem Viertel, die ein eigenes Haus hatten und in den Urlaub gefahren sind. Zuerst ging es in den Bayerischen Wald mit Lebensmittelkonserven im Kofferraum und später an den Gardasee. Wir haben viel gearbeitet, sparsam gelebt, aber trotzdem jede Menge Spaß gehabt. Ich bin froh, dass meine Mutter noch erlebt hat, dass aus mir etwas Ordentliches geworden ist. Das hat sie stolzer gemacht, als alles andere auf der Welt. Sie wusste, der Einsatz hat sich gelohnt.

Der Ratschlag Ihrer Mutter, der Ihnen am meisten geholfen hat?
Sie hat immer gesagt: „Nicht schauen, was die anderen haben und neidisch werden, sondern in die Hände spucken und anpacken!“ Ich habe schon früh gemerkt, dass man ein schöneres Leben führen kann, wenn man sich etwas mehr anstrengt und fleißiger ist. Ein Tipp, der vielleicht altmodisch klingt, aber den ich auch heute noch allen jungen Menschen mit auf den Weg geben möchte.

Als Kind hatten Sie einen sehr außergewöhnlichen Berufswunsch... Ja, ich wollte Schiffskoch werden. Meine Kumpels und ich haben früher bei uns in der Küche richtige Koch-Orgien veranstaltet. Unsere Spezialitäten waren Bonbons und Pudding. Wenn meine Mutter dann abends nach Hause kam, fiel sie fast in Ohnmacht. In der Küche herrschte das Chaos und im Kühlschrank die Ebbe.

Ihre Mutter wollte also nicht, dass ihr kleiner Calli Schiffskoch wird?
Überhaupt nicht. Ich sollte eine Ausbildung zum Elektriker machen und später Ingenieur werden. Also bin ich zur Elektriker-Einstellungsuntersuchung gegangen. Beim Farbentest kam aber heraus, dass ich farbenblind bin. Und weil man als Elektriker mit einer Menge bunter Kabel zu tun hat, stand fest: Der Job ist nichts für mich. Fummelt man nämlich versehentlich am falschen Kabel herum, kann einem schon mal schnell die Bude abbrennen.

Und dann haben Sie bei Bayer Leverkusen angeklopft?
Erst mal habe ich eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann und ein BWL-Studium gemacht. In meiner Freizeit spielte ich Fußball und fing nach einer Verletzung als Jugendtrainer bei meinem Heimatclub Frechen 20 an. Als Student war ich bei der Kölner Zeitung für die lokalen Sport-Seiten verantwortlich.

Ich bin einfach zu denen ins Büro marschiert und habe gesagt: „Ich möchte einen Artikel für euch schreiben!“ Daraus entwickelte sich dann meine erste „Karriere“. Bei der Zeitung lief es so gut, dass die mich sogar fest anstellen wollten. Für mich war es in dieser Zeit normal, jeden Sonntag zu arbeiten: Früh aufstehen, bis tief in die Nacht schreiben und am nächsten Morgen die Zeitung in zwei Bezirken austragen.

Nach meinem Studium habe ich dann den Leverkusener Bundesligatrainer Willibert Kremer kennengelernt, der mir angeboten hat, bei Bayer Leverkusen einzusteigen. Ich war sofort dabei. Als „Mädchen für alles“, sogar den Stadionsprecher habe ich gemacht. Irgendwann habe ich dann den ein oder anderen Spieler für den Verein angeworben. So bin ich über die Jahre da reingewachsen. Als Nachwuchschef, als Manager und schließlich als Geschäftsführer einer Fußball-GmbH mit Millionenumsätzen.

Welchen großen Wunsch haben Sie sich mit Ihrem ersten selbst verdienten Geld erfüllt?
Ein eigenes Auto. Zuerst einen VW-Käfer und später einen Renault R4 mit Revolverschaltung. Der ging ab wie die Post und lag spitzenmäßig in der Kurve. Damit konnte mich keiner mehr an der Ampel versägen.

Der Satz: „Hört mir doch auf mit diesem Universitätsblabla!“ stammt von Ihnen. Braucht man denn heute überhaupt noch ein Studium oder reichen Selbstvertrauen und eine gute Idee aus, um erfolgreich zu werden?
Bildung ist unersetzlich! Bildung gibt den Menschen und dem Staat wertvolle Chancen und Perspektiven. Aber sie alleine reicht nicht. Ich kenne viele junge Leute, die haben ein sehr gutes Studium abgeschlossen, scheitern aber an den simpelsten praktischen Aufgaben.

Studieren ist klasse. Aber man muss auch bereit sein, Dreck zu fressen, sich die Hände schmutzig zu machen und leidenschaftlich anzupacken. Wenn man dauernd nur schlaues Zeug labert und sich ewig mit Konzepten beschäftigt, dann kommt man sicher nicht weit. Meine Erfolgsformel lautet: Kompetenz und Leidenschaft.

Eine Leidenschaft von Ihnen ist Essen...
Essen ist für mich Kultur. Wenn ich verreise, gehe ich immer zuerst in die Restaurants und danach in die Museen. Wenn ich zum Beispiel in New York bin, schaue ich vor dem Guggenheim-Museum bei Smith & Wollensky vorbei. Das ist das beste Steakhouse der Welt. Meine Gewichtsklasse kommt vom guten Essen und nicht weil ich irgendeine genetische Veranlagung habe.

Von wem lassen Sie sich am liebsten bekochen?
Von Rudi Völlers Frau Sabrina. Die kocht sensationell!

Obwohl Sie fast 135 Kilo wiegen, sind Sie bei Frauen sehr erfolgreich. Verraten Sie uns Ihren Flirt-Tipp!
Einen Schönheitswettbewerb könnte ich mit meiner Glatze und meinem Übergewicht nicht gewinnen. Aber siehe da: Ich habe ein Händchen für Frauen. Was einen Mann wirklich attraktiv macht, ist seine Lebenserfahrung und seine Geselligkeit. Er muss etwas für Essen und Atmosphäre übrig haben. Ich denke, dass Frauen über mich sagen: „Mit dem Reiner hab ich mehr Spaß gehabt als mit so einem Adonis, der einen schon nach zwei Gläsern Wein anstarrt wie ein Vollidiot.“

Das Interview führten Max Grün und Moritz-Marco Schröder

„Studieren ist klasse. Aber man muss auch bereit sein, Dreck zu fressen, sich die Hände schmutzig zu machen und leidenschaftlich anzupacken.”
Reiner Calmund hält wenig davon, nur schlaues Zeug zu labern. Für den erfolgreichen Fußballfunktionär ist anpacken wichtig.
Zwar hat er vor über 30 Jahren das letzte Mal ein Tor geschossen, aber Fußball ist noch immer „Callis“ Leidenschaft
Auf der Buchmesse 2011 in Frankfurt präsentiert Reiner Calmund sein neues Buch – „Eine Kalorie kommt selten allein”
Herausgeber Moritz-Marco Schröder traf Reiner Calmund. Das Interview wurde standesgemäß beim Frühstück geführt.
Titel: ganz persönlich Spitzname: Calli  +++ Abi-Note: 2,4 +++ Als Kind wollte ich: Schiffskoch oder Pilot werden +++ Erstes Geld verdient mit: Helfen bei der Kartoffelernte, bis der Rücken durchbrach. Pro Sack gab es 60 Pfennig. Davon wurde der Urlaub bezahlt. +++ Das macht mir Spaß: Mit Freunden ausgehen, Oldies von Elvis und den Rolling Stones +++ Haustier: Ein kleiner Stoffelefant +++ Lieblingsessen: Ich habe 30 Lieblingsgerichte.

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