„Wir suchen
händeringend Ingenieure“

 

Als Kind wollte Peter Löscher „Diplomat“ werden. Mit der internationalen Karriere hat's geklappt, wenn auch nicht in der Politik, sondern in der Wirtschaft bei Siemens

Herr Löscher, Siemens-Chef zu sein ist wohl der begehrteste Manager-Job in ganz Deutschland. Aber mal ehrlich: Ist es wirklich ein Traumjob oder derzeit eher ein Alptraum wegen des Schmiergeld-Skandals und den Ermittlungen gegen Siemens?
Es ist ein absoluter Traumjob! Welche andere Firma der Welt steht täglich in Kontakt mit gut zwei Milliarden Kunden und verändert deren Leben in einer solchen Breite, wie wir das tun? Außerdem erlebe ich hier jeden Tag die enorme Innovations- und Leistungskraft unserer 430.000 Mitarbeiter, sodass ich wirklich nur sagen kann: Das ist mein absoluter Traumjob!

(Anm.d.R.: Im Juli 2013 ist Peter Löscher aus dem Vorstand der Siemens AG ausgeschieden.)

Bleiben wir beim Stichwort „Traumjob“. Wovon haben Sie eigentlich als Schüler geträumt?

(schmunzelt) ... Ich erinnere mich noch genau an meine Grundschulzeit. Wir sollten einen Aufsatz darüber schreiben, was man später werden möchte. Ich habe „Diplomat“ angegeben, denn schon damals hat mich die Welt mit all ihren Ländern und Kulturen sehr interessiert. Den Traum von einer internationalen Karriere habe ich auch verwirklicht, nur dass ich eben in der Wirtschaft und nicht in der Politik gelandet bin.

Ihre Eltern hätten es ja gerne gesehen, wenn Sie den Bauernhof der Familie in Villach / Kärnten übernommen hätten. Trotzdem haben Sie sich für ein BWL-Studium in Wien und im Anschluss daran für eine internationale Karriere entschieden. Wann haben Sie in Ihrem Innersten gefühlt: „Ich will nicht mehr hier bleiben, sondern muss raus in die große, weite Welt!“?
Das Gefühl kam schon sehr früh. Ich bin in einem Drei-Länder-Eck mit drei Kulturen aufgewachsen: Meine Heimatstadt ist zehn Minuten von Italien und dem heutigen Slowenien entfernt. So gesehen bin ich multikulturell groß geworden. Außerdem war Villach eine Siemens-Stadt. Ich bin also – wenn man so will – schon mit Siemens aufgewachsen (lacht) …

Haben Sie einen konkreten Tipp, mit welcher Ausbildung oder welchem Studium man heute am besten auf die Herausforderungen der globalisierten Wirtschaft vorbereitet ist?
Mein Tipp ist: Macht das, was zu euch passt und euch liegt! Denn mit Spaß und Freude werdet ihr genau das erreichen, was ihr euch vorgenommen habt – und vielleicht noch viel mehr. Wenn es um eine konkrete Fachrichtung geht: Es ist sicher kein Fehler, in der heutigen Zeit Technik zu studieren. Wir bei Siemens suchen händeringend nach Ingenieuren, und der Bedarf wird künftig weiter steigen. Da gibt es sehr spannende Entwicklungschancen.

Was spricht dafür, eine Karriere bei Siemens anzustreben? 
Was kann Siemens bieten, was andere Unternehmen nicht haben?
Ich bin davon überzeugt, dass uns kaum ein Unternehmen das Wasser reichen kann, wenn es um spannende Aufgaben und attraktive Arbeitsbedingungen geht. Siemens-Ingenieure entwickeln seit 160 Jahren zukunftsweisende Technologien. Wir beschäftigen uns zum Beispiel damit, wie man den wachsenden Energiebedarf decken kann, ohne dabei die Umwelt zu zerstören. Klugen Köpfen, die etwas bewegen wollen, bieten wir die idealen Arbeitsbedingungen – in einem internationalen Umfeld und mit ausgezeichneten Karriereperspektiven.

Liest man Ihren Lebenslauf, dann haben Sie alle Karrierestationen stets souverän durchlaufen und sind nie in die Kritik geraten. Verraten Sie uns trotzdem Ihre größte Niederlage?
Eine „größte“ Niederlage hat es nicht gegeben. Rückschläge und Enttäuschungen aber schon. Aber damit fertig zu werden, gehört ja mit zum Leben. Im Übrigen habe ich immer versucht, mein Bestes zu geben und hatte bisher auch eine Menge Glück und in mancher Situation einen guten Schutzengel.

Ihre Studienzeit in Hongkong haben Sie oft als Schlüsselerlebnis bezeichnet. Warum?
In meiner Zeit in Hongkong habe ich eine ungeheuere und so noch nicht gekannte Dynamik und Energie kennengelernt. Ich hatte mit Studienkollegen zu tun, die teilweise ihr zweites und drittes Studium absolviert und nebenher noch gejobbt haben.

In Asien habe ich gesehen, wie viel wirklich möglich ist und was alles in den Menschen steckt, wenn sie hoch motiviert sind. Damals wurde meine Liebe zu Asien geboren. Noch heute reisen meine Familie und ich dorthin, um Freunde zu besuchen.

Viele Schüler schieben ja zwischen ihrem Abitur und ihrem Studienbeginn ein Reisejahr ein, um ein fremdes Land kennenzulernen. Wo würden Sie, wenn Sie noch mal Abiturient wären, dieses Jahr verbringen?
Ich würde sicherlich nach Asien oder in eine andere, gerade erwachende Volkswirtschaft reisen, weil mich die Dynamik dort so sehr reizt. Das kann China, Indien oder Russland sein. Also nicht in ein etabliertes Umfeld, sondern einfach dorthin, wo man Aufbruch, Wachstum und Innovationsdynamik in besonderem Maße erlebt.

Worauf haben Sie sich heute Morgen gefreut, als Sie ins Büro kamen?
Auf dieses Interview! Ich bin immer davon fasziniert, mit jungen Menschen in Kontakt zu treten und mich mit ihnen auszutauschen. Sie sind schließlich unsere Zukunft.

Wenn man in der Zeitung von Ihnen liest, werden Sie stets als Anti-Typ zu Hau-Ruck-Managern dargestellt. Was ist Ihr Tipp? Wie kann man sich als eher ruhiger, abwiegender Mensch in einem so rauen Umfeld wie der globalisierten Wirtschaft Respekt und Autorität verschaffen?

(lacht)… Die verschafft man sich ganz einfach: Am Ende des Tages muss man immer in der Lage sein, Menschen zu begeistern – auch für die Richtung, in die man gehen will. Man muss sich selbst immer als Teil des Ganzen sehen, als Team. Das fängt im Studium an: Schon damals haben wir uns zu Lerngruppen zusammengeschlossen, um uns den Stoff gemeinsam zu erarbeiten.

Eine weitere wichtige Eigenschaft: gut zuhören zu können. Der hierzulande oft beklagte Ingenieurmangel betrifft auch Siemens, weil Projekte aufgrund fehlender Arbeitskräfte nicht schnell genug vorangetrieben werden können.

Woran liegt es, dass immer weniger junge Leute den Ingenieurberuf erlernen wollen?
Das ist rund um den Globus unterschiedlich: In Indien gibt es 320.000 Abgänger, in China 400.000 – in Deutschland sind es pro Jahr gerade mal 50.000 und damit definitiv zu wenig Nachwuchs-Ingenieure.

Wir müssen bei den Menschen in Deutschland von Kindesalter an die Begeisterung für Technik wecken. Wir von Siemens sind gerade voll dabei. Wir statten zum Beispiel Kindergärten mit so genannten „Forscher-Kisten“ aus, damit schon die Kleinsten der Kleinen basteln und experimentieren können. Und natürlich müssen wir es schaffen, dass sich mehr Frauen für die Ingenieurberufe begeistern.

Sie selbst haben ja BWL studiert, also einen nicht-technischen Studiengang. Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen: „Herr Löscher leitet einen Technologie-Konzern und hat eigentlich gar keine Ahnung, wie seine Produkte von innen aussehen!“?
Das Entscheidende ist doch, dass man Begeisterung für eine Sache mitbringt. Ich habe im Lauf meiner Karriere immer bei technisch orientierten Firmen gearbeitet, unabhängig davon, ob ich das studiert habe oder nicht. Ich war immer neugierig und bin es auch geblieben. Das ist das Wichtigste.

Siemens stellt ja von der Glühbirne bis zum Kraftwerk alles her. Testen Sie manche Produkte auch selber zu Hause?
Ja, manchmal frag ich schon, ob ich etwas bekomme (lacht)… Aber zu Hause ausprobieren kann ich unsere Produkte kaum. Die weltweit stärkste Gasturbine zur Stromerzeugung, die unsere Ingenieure gerade in Berlin gebaut haben, wiegt zum Beispiel ein paar hundert Tonnen, also mehr als ein Airbus A380.

Als Chef von Siemens: Was ist Ihr persönlicher Strom-Spar-Tipp?
Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen auf energiesparende Waschmaschinen und andere umweltfreundliche Haushaltsgeräte umsteigen. Es gibt mir Hoffnung, wenn ich sehe, wie bewusst sich gerade junge Menschen heute diesem Thema stellen.

Umweltschutz muss noch sehr viel stärker das Bewusstsein der breiten Bevölkerung rücken! Bei Siemens sehen wir Umwelt- und Klimaschutz schon lange als Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Wir stellen zum Beispiel hochmoderne Antriebssysteme her, wie sie jedes künftige Elektroauto brauchen wird.

Das Interview führten Max Grün und Moritz-Marco Schröder

„Mein Tipp ist: Macht das, was zu euch passt und euch liegt!”
Peter Löscher hat seinen Traum von einer internationalen Karriere wahr werden lassen.
Peter Löscher ist begeistert von der Technik-Branche und wirbt gerne für den Ingenieur-Nachwuchs
Als Siemens-Chef traf Peter Löscher auch Politikgrößen wie den russischen Präsidenten Vladimir Putin
Tempo, Tempo, Tempo. Peter Löscher kann Projekte wegen Ingenieurmangel teilweise nicht schnell genug vorantreiben

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