„Manchmal beiße ich vor Ärger
in die Serviette“

Peer Steinbrück spricht gerne mal Klartext. Dass er in der 8. Klasse wegen Mathe eine Ehrenrunde drehte, wissen die Wenigsten

Herr Steinbrück, Sie machen einen angespannten Eindruck. Müssten Sie nicht bis über beide Ohren strahlen, bei geschätzten Steuermehreinnahmen von 50,6 Mrd. Euro alleine in diesem Jahr?

Nein, denn unser Land hat einen Rucksack mit 1.500 Milliarden Euro Schulden zu tragen. Und der wird derzeit noch von Jahr zu Jahr schwerer.

Klingt beunruhigend. Gibt es auch gute Nachrichten?

Deutschland ist heute sehr viel stärker aufgestellt als noch vor drei Jahren. Wir sind gut in einer immer stärker globalisierten Wirtschaft positioniert und profitieren von ihr. Außerdem haben die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessert. Mein Ziel ist es, die Neuverschuldung endlich auf Null zu bringen, damit der jungen Generation nicht ein unzumutbar hoher Kapitaldienst auf die Schultern geschoben wird.

Ob die Bürger Ihnen das zugute halten werden ist fraglich. Momentan stöhnen ja viele über stark steigende Preise.
Ich kann das Gejammer über die angeblich so hohen Steuern im Land nicht mehr hören. Unsere Steuer- und Abgabenquote steht im europäischen Vergleich im guten Mittelfeld. Wir brauchen Mittel, um unser Gemeinwesen voran zu bringen. Kindergärten, Schulen, Universitäten, Forschung, Verkehrsinfrastruktur – all das kostet Geld. Schließlich soll dies alles nicht nur denjenigen zur Verfügung stehen, die es sich selber kaufen können.

Wann hat das letzte Mal ein Schulfreund bei Ihnen angerufen und sich über die Steuern beschwert?
Mich hat noch nie jemand deswegen angerufen. Aber für zusätzliche Steuerprivilegien erhalte ich fast täglich Vorschläge.

Aber eigentlich gibt es doch immer jemanden, der unzufrieden ist mit Ihrer Arbeit, oder?
Ja, so ist das in meinem Job. Und manchmal beiße ich mir auch vor Ärger in die Serviette. Aber damit muss ich leben.

Beneiden Sie da nicht manchmal den Arbeitsalltag Ihres Kollegen Steinmeier, der häufig auf Reisen ist und zu zahlreichen Empfängen eingeladen wird …?
Nee! Und von dem ganzen „Rumgejette“ hat man übrigens sehr schnell die Nase voll. Wenn man in so einer Tretmühle steckt wie wir Politiker, dann wirkt manches auf uns ganz anders als auf diejenigen, die uns beobachten. Also ständig nur unterwegs sein und mit dem Flugzeug von Termin zu Termin hetzen, das mag vielleicht von außen als schick wahrgenommen werden. Es ist aber am Ende nur Teil unserer Arbeit.

Sie sind also kein Workaholic, der jeden Tag Akten als Gute-Nacht-Lektüre braucht?
In Wirklichkeit bin ich schlicht und ergreifend froh, wenn ich abends mal die Beine auf dem Sofa ausstrecken und mir einen Film ansehen oder ein Buch lesen kann.

Wie viele Stunden arbeiten Sie denn am Tag?
Wenn ich nicht auf Reisen bin, stehe ich um sieben Uhr in der Früh auf und bin gegen halb neun im Büro. Je nach dem kann es dann bis 23 Uhr oder noch länger dauern, bis ich in meinem Appartement bin. Eine 70 bis 80 Stunden-Woche ist eher der Normalfall.

Sie gelten als direkter Typ, der immer geradeaus sagt, was er denkt. Im politischen Arbeitsumfeld müssten Sie sich da doch komplett unwohl fühlen. Nie darüber nachgedacht, den Job zu wechseln?
Doch, aber aus einem anderen Grund: Nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2005 hatte ich eigentlich vor, mich von der Politik zu verabschieden.

Und wie sind Sie mit dieser Niederlage umgegangen?
Ich habe versucht, positiv in die Zukunft zu blicken und so schell wie möglich zu reagieren. Auf meine Niederlage in Nordrhein-Westfalen folgten ja dann die vorgezogenen Bundestagswahlen und da bin ich gefragt worden, ob ich in die Regierung einer großen Koalition gehe würde. Ich habe ja gesagt, weil ich es als Herausforderung und Pflicht empfand.

Haben Sie eigentlich die Handynummer von Frau Merkel?
Ja, die habe ich.

Sie soll ja ein großer SMS-Fan sein. Schreibt Sie Ihnen gelegentlich?
Ja, die Bundeskanzlerin informiert sehr schnell und persönlich, wenn es etwas zu informieren gibt. Nicht nur per SMS.

Gerade bei jungen Menschen ist die Meinung weit verbreitet, dass sich politisches Engagement nicht lohnt. Wie würden Sie heute für das Berufsziel „Politiker“ Werbung machen?
Wenn man Demokratie als die zweitbeste Regierungsform wertschätzt – und es die beste nicht gibt –, dann muss man auch handlungsfähige Parteien wollen. Und wenn man sich selber nicht engagiert oder für so klug hält, nicht zu wählen, dann wird man am Ende von Leuten regiert, die dümmer sind als man selbst.

Welche drei Eigenschaften muss man denn mitbringen, um es in der Politik bis auf Ministerebene zu schaffen?
Arbeitsethos – man wird politisch nicht erfolgreich, wenn man immer nur an der Oberfläche herumsurft –, Augenmaß, Pflichtgefühl und Rhetorik.

Sind Sie ein gutes Vorbild?
Na, es gibt auch Ecken und Kanten, die man nicht kopieren sollte …

Jetzt sind wir auf Beispiele gespannt.
Ich formuliere gelegentlich provozierend. Diese Eigenschaft ist aber andererseits mit dem Vorteil verbunden, dass man keinen Decoder braucht, um mich zu verstehen. Klartext heißt das in der Umgangssprache.

Können Sie privat gut mit Geld umgehen?
Ja, ich bin nie in Verlegenheit geraten, was die eigene finanzielle Situation anbelangt. Klar gab es auch mal Zeiten in meiner Jugend, in denen ich knapp bei Kasse war. Aber dann habe ich mir immer kurzfristig einen Job gesucht, um etwas dazu zu verdienen. Schon mit 15 Jahren hatte ich die verschiedensten Jobs: Parkwächter, Bauarbeiter, Fahrer oder Platzanweiser im Kino.

Was ist Ihr persönliches Schlupfloch? 
Wo können Sie am besten von Ihrem Job abschalten?
In meinem Garten auf einer Liege mit einem guten Buch.

Wenn Sie drei Dinge im Land auf Knopfdruck verändern könnten, welche wären das?
Erstens, dass wir mit mehr Zuversicht in die Zukunft blicken. Zweitens und Drittens, dass wir die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft fördern: Die Köpfe unserer jungen Menschen. Jeder Euro, den wir in Bildung investieren, wird sich vielfach auszahlen.

Das Interview führten Max Grün und Moritz-Marco Schröder

„Klar gab es auch mal Zeiten in meiner Jugend, in denen ich knapp bei Kasse war. Aber dann habe ich mir immer kurzfristig einen Job gesucht, um etwas dazu zu verdienen.”
Bis 2009 war Peer Steinbrück Finanzminister. Privat fand er in Krisen immer einen Ausweg.
Steinbrück bei der Konferenz für Sicherheitspolitik. Andere Infos bekommt er auch von Frau Merkel persönlich per SMS
Max Grün (l.) und Moritz-Marco Schröder nach dem absolut°karriere-Interview mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück
Wahlkampf in Kiel – Peer Steinbrück beim Klartext Open Air 2013
Titel: ganz persönlich Spitzname: Die Kürze meines Vornamens hat mich davor gerettet +++ 
Abi-Notenschnitt: Oh, der hätte noch besser sein können +++ Als Kind wollte ich: Schiffe bauen, später Journalist werden +++ 
Das macht mir Spaß: In die Welten anderer Denker einzutauchen 
+++ Erstes Geld verdient mit: Parkwächter 
+++ Lieblingsessen: Pasta in allen Kombinationen 
+++ Zuhause ausgezogen: Nach dem Abitur

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