„Das Wichtigste: Bleib du selbst!“

Michael Diekmann, Chef der internationalen Allianz Gruppe mit über 177.000 Mitarbeitern und einer der wichtigsten Manager Europas, gilt als bestes Beispiel dafür, dass es kein Patentrezept fürs "Karrieremachen" gibt. Er selbst hat insgesamt 9 Jahre studiert. Zuerst Philosophie, später Jura. Hier verrät er, warum man bei der Studien- und Berufswahl hauptsächlich seinen eigenen Interessen folgen sollte

Allianz CEO Michael Diekmann. Wer bei ihm Nachwuchsführungskraft werden will, muss erst am Vorstandsassistenten-Programm teilnehmen

Was meinen Sie: würde Ihre Personalabteilung Sie heute noch einmal einstellen – nach 18 Semestern Studium und Selbstständigkeit in einer anderen Branche?
Ich hätte es heute ganz sicher schwerer als 1988. Die Konkurrenz ist größer, die Bewerber sind extrem gut qualifiziert und dabei sehr jung.

Würden Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter denn trotzdem raten, eventuell auch eine unkonventionelle Karriere einzuschlagen?
Raten würde ich das vielleicht schon. Ob meine Kinder dann auf mich hören, steht auf einem anderen Blatt (lacht) … aber einmal ernsthaft: Was bei aller Planung wahnsinnig wichtig ist, ist, dass der Kern, der Sie ausmacht, authentisch bleibt. Und dass Sie sich daran dann auch messen lassen. Von daher würde ich ganz sicher zuraten, wenn die Idee zu der Person passt und sie enthusiastisch dafür eintritt.

Glauben Sie, dass Ihr unkonventioneller Lebensweg Sie besonders auf die ungewöhnlicheren Management-Aufgaben vorbereitet hat?
Ich weiß nicht, ob mein Lebensweg mir dafür besonderes Rüstzeug mitgegeben hat. Ganz sicher hat mir die Erfahrung geholfen, eine eigene Firma aufzubauen. Trotzdem habe ich aber nie den Respekt vor neuen Aufgaben verloren und mir war immer klar, wo jeweils meine Defizite waren: Wenn mir etwa die Fachkenntnisse fehlten, dass ich zu jung war oder dass ich die Fallstricke vor Ort nicht genug kannte.

Sie haben bei der Allianz ja immer die Aufgaben bekommen, die irgendwie kompliziert waren. In Asien mussten Sie das Geschäft komplett neu aufbauen, in Amerika war Sanierung angesagt und die Zahlen der Allianz waren nicht rosig, als Sie gefragt wurden, ob Sie Vorstandsvorsitzender werden wollten.
Grundsätzlich nehme ich Herausforderungen gerne an und die Notwendigkeit, dass ich mich komplett einarbeiten musste, war eigentlich immer nützlich. Wenn Sie etwas gestalten müssen, ist es eher ein Vorteil, wenn Sie neu hinzukommen - weil Sie nicht so stark in alte Interessenskonflikte hineinrutschen können.

Sie sind ja bei der Allianz den Weg von der Pike auf gegangen und haben in Deutschland zunächst im Vertrieb gearbeitet. Würden Sie diesen Weg einem Nachwuchsmanager auch empfehlen?
Unbedingt. Für mich war dieser Teil meiner Ausbildung in Hamburg ein Lehrstück. Diese Erfahrung hat mich mein Leben lang begleitet und der Vertrieb hat seitdem für mich zentrale Bedeutung. Wegen der Bodenhaftung. Weil da das Geld herkommt. Und weil das Feedback, ob das Unternehmen die richtige Richtung eingeschlagen hat, nirgends so klar ist wie dort. Wir haben diese Zeit im Vertrieb übrigens fest in unserem Entwicklungsprogramm für Nachwuchsführungskräfte verankert: Teilnehmer an unserem Vorstandsassistenten-Programm arbeiten zunächst als Assistenten der Geschäftsleitung, gehen danach mindestens sechs Monate in den Vertrieb und dann auch oft ins Ausland, bevor sie eine erste Führungsaufgabe im Konzern übernehmen.

Ist die internationale Berufserfahrung denn heute so wichtig?
In einem internationalen Konzern wie der Allianz Gruppe auf jeden Fall. Sie bekommen sonst kein Gefühl für die Besonderheiten der lokalen Märkte und entwickeln keine Sensibilität für kulturelle und interkulturelle Herausforderungen. Nehmen Sie meine Aufgabe in Asien: In Deutschland war ich Ende 1995 Vertriebschef bei der Zweigniederlassung Köln, zuständig für rund 1.000 Mitarbeiter und 2.900 Haupt- und Nebenberufsvertreter. Dann bekam ich den Auftrag, das Asien-Geschäft der Allianz aufzubauen, und fand mich in Singapur in einem 11-Quadratmeter-Büro wieder, mit einer Sekretärin als einziger Mitarbeiterin in einem Schuhkarton von einem Raum davor.

Ich musste erst einmal begreifen, dass fast alle Unternehmen in Familienhand waren und dass der einzige Schlüssel zum Erfolg darin bestand, ein vertrauenswürdiger Partner für diese asiatischen Familienbetriebe zu werden. Ich merkte, dass die Größe und Stärke der Allianz auch bedrohlich wirken konnte und dass eher kleine Schritte gefragt waren, um die berühmten „Win-Win-Situationen“ zu schaffen. In so einer Situation machen Sie natürlich Fehler und daraus lernen Sie.

Was haben Sie in Ihrem Berufsleben gelernt?
Der permanente berufliche Wechsel hat mir sicher geholfen, gute Antennen zu entwickeln, Menschen oder ein neues Umfeld schneller zu erfassen. Vor allem habe ich aber im Laufe der Jahre gelernt, direkter zu sein, weniger konfliktscheu. Taktische Tricks liegen mir nicht. Mir geht es um die Sache, um klare Vereinbarungen, und dass die auch so eingehalten werden. Das kommt vielleicht manchmal als Härte an. Aber es ist mir sehr wichtig, dass Klarheit geschaffen wird, wenn Entscheidungen getroffen werden. Ich will nicht, dass schlechte Nachrichten erst nach und nach durchsickern – das gilt für mich genauso wie für die Mitarbeiter.

Was macht denn Ihrer Meinung nach einen guten Manager aus – ist das diese Klarheit?
Ja. Das ist Teil dessen, was Mitarbeiter von ihrer Führungskraft erwarten können und sollten. So haben wir es bei der Allianz auch in unseren internationalen Führungsleitlinien, den Leadership Values, definiert: Es geht darum, dass Sie als Manager erklären, was die Strategie des Unternehmens ist, welchen Beitrag Sie dafür von Ihren Mitarbeitern erwarten und wie Sie sie unterstützen, damit sie sich ständig weiter qualifizieren können, um Höchstleistungen erbringen zu können.

Von den Mitarbeitern erwarte ich dann andererseits, dass sie bereit sind, Veränderungen mit zu tragen und den Willen haben, konstruktiv an Verbesserungen mitzuwirken. Das klingt jetzt sehr pauschal, aber jeder kann seinen Beitrag zum Erfolg leisten. Beispielsweise kann jeder so verantwortlich mit Ressourcen umgehen, als wären es seine eigenen. Jeder kann das Thema Kundenfreundlichkeit zu seinem machen: Jedes Telefonat, jeder Brief, jedes Beratungsgespräch ist eine Visitenkarte unserer Firma. Das muss allen bewusst sein.

Welchen Tipp geben Sie Abiturienten mit auf den Weg, die jetzt richtig durchstarten wollen?
Immer wichtiger werden integrierte Studiengänge oder Ausbildungen, die verwandte Themen mit einbeziehen. So spielen bei Versicherungen in der Ausbildung auch Bankenthemen zunehmend eine Rolle und umgekehrt bei Banken die Versicherungs- bzw. Risikothemen. Azubis haben somit nach der Ausbildung auch ein größeres Einsatzfeld. Dabei wird es in Zukunft immer mehr anspruchsvolle Jobs rund um den Kunden geben, also im Vertrieb. Scheuen Sie diese Tätigkeiten nicht, sondern nehmen Sie sie als Chance wahr, den Markt kennen zu lernen und vor allem zu lernen, in welchen Bereichen Sie persönlich noch weiterkommen können!

Das Interview führte Moritz-Marco Schröder

„Grundsätzlich nehme ich Herausforderungen gerne an und die Notwendigkeit, dass ich mich komplett einarbeiten musste, war eigentlich immer nützlich.”
So hat es Michael Diekmann mit kleineren Umwegen an die Spitze der Allianz geschafft.
1995 baute Michael Diekmann das Asien-Geschäft in Singapur auf. Während seiner Auslandserfahrung machte er Fehler. Und lernte daraus
Schon seit 1988 ist Diekmann fester Bestandteil der Allianz
Titel: ganz persönlich Als Kind wollte ich: Farmer werden, am liebsten in Afrika 
+++ Das macht mir Spaß: Gartenarbeit 
+++ Erstes Geld verdient mit: Möbel restaurieren 
+++ Haustier: Lucy, Mischlingshund aus Singapur +++ 
Lieblingsessen: Grünkohl 
+++ Abi-Note: sehr mittelmäßig

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