„Meine Lehrer hatten Recht“

Er lässt Konfetti für uns regnen und sagt zum Abschied Au Revoir: Die Texte von Mark Forster gehen ins Ohr. Früher gelangweilter Schüler, heute gefragter Musiker: Mit uns spricht er über den Druck bei der Berufswahl, große Träume und Referate vorm Konzert.

Mark Forster

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Abi-Zeit zurückdenkst?
Meinen Englisch- und Französischlehrer habe ich bis heute nicht vergessen. Er schlüpfte je nach Unterricht in eine andere Rolle: britischer Gentleman oder französischer Lebemann, immer mit dem passenden Anzug. Er war super engagiert und hat versucht, mich zu motivieren. Ich war nämlich ein Schüler von der faulen Sorte: Hausaufgaben-Verweigerer und Klassenkasper. Trotzdem war mein Image bei den Lehrern ganz gut: Sie dachten, dass ich es könnte, wenn ich nicht so faul wäre.

Du warst auf einer kleinen Schule, bist auf dem Dorf aufgewachsen. Wie war das?
Es war mega langweilig. Die Schule sowieso [lacht]. Aber die Langeweile auf dem Dorf hat mich richtig genervt. Allerdings: Rückblickend hatte sie auch was Positives, das bis heute anhält: Sie hat meine Fantasie beflügelt. Ich habe mir Sachen vorgestellt, die ich vielleicht mal machen könnte.

Zum Beispiel?
Ich wollte damals ein Lied schreiben, das „Chöre“ heißt. Und das wollte ich mit dem besten Gospelchor der Welt aufnehmen, mit den Harlem Gospel Singers. Ich hab’s wirklich getan. Die Single war dann elf Wochen in den Top 10 und insgesamt 37 Wochen in den deutschen Charts. Beim Schreiben von „Kogong“ habe ich mir vorgestellt, wie ich die Single in den weltberühmten Abbey Road Studios in London aufnehme – in Studio 2, in dem die Beatles all ihre Alben aufgenommen habe. Aus diesen Gedankenspielereien wurde Realität. Ich saß auf denselben Stühlen, auf denen John Lennon und Paul McCartney saßen. Ich spielte auf demselben Klavier meine aktuelle Single ein, mit dem sie „Let it be“ aufgenommen haben. Wir sollten uns viel öfter unrealistischen Quatsch vorstellen – und ihn dann wirklich umsetzen.

Gilt das auch für die Berufswahl? Mutig sein?
Klar, nur der Druck ist ziemlich hoch. Meine Lehrer haben mir zwar gesagt: „Such dir was aus, das dir Spaß macht und worin du gut bist“. Aber ich habe damals nicht geglaubt, dass das für die Zukunft reicht. Denn die nächsten Schritte nach dem Abi, also Studium und Berufseinstieg, sind ja erst mal so bedrohlich, dass man in Panik verfällt. So war das zumindest bei mir.

Für was hast du dich entschieden?
Zu meiner Schulzeit sollten alle Maschinenbauingenieure werden oder Informatik studieren. Doch für diese beiden Bereiche muss man in Mathe was drauf haben. Und darin war ich leider superschlecht. Also hab ich mich für Jura in Berlin entschieden.

Wieso ein Jurastudium?
Erstens, weil ich da trotz schlechten Abischnitts angenommen wurde. Und zweitens, weil man sich noch nicht auf ein bestimmtes Berufsfeld festlegen muss. Die Spezialisierungsmöglichkeiten sind groß. Ich habe das Studium aber nach ein paar Semestern erfolgreich abgebrochen. Jura passt einfach nicht zu mir.

Wie ging es dann weiter?
Noch neben dem Studium habe ich als Praktikant bei einer kleinen Firma in Berlin gearbeitet: Die produzierte unter anderem Werbung für Klingeltöne auf MTV. Dann kam der Auftrag, die ARD-Sendung des Komikers Kurt Krömer zu produzieren. Und auf einmal war ich kein Praktikant mehr, sondern Producer einer Fernsehsendung: Ein Dorfkind in Berlin hatte in kurzer Zeit eine verantwortungsvolle Position für die ARD. Weil ich mehr über die Finanzwirtschaft und strategisches Management lernen wollte, fing ich an, BWL zu studieren. Blöd nur, dass man dafür Mathe braucht [lacht]. Aber ich hab’s durchgezogen.

Was denkst du heute über deine Entscheidung?
Alle Ängste, die ich nach der Schule hatte, waren unbegründet. Ich würde heute – jetzt, da ich ein bisschen schlauer bin – eher was studieren, das mich total interessiert. Denn darum geht’s im Studium: Mehr über etwas zu erfahren, das dir Spaß macht. Meine Lehrer hatten also Recht.

Wann fiel für dich die Entscheidung „Ich werde Musiker“?
Das kam nach und nach. Ich habe ja mein ganzes Leben Musik gemacht, in Bands gespielt und produziert. Durch meinen Job im Fernsehen konnte ich mir später ein kleines Studio leisten, mit Computer, Keyboard und Mikrofon. Ich habe zwar immer wieder ein Projekt angefangen, es aber nie zu Ende gebracht. Und dann gab es einen Einschnitt in meinem Leben, als ich zwei Monate den Jakobsweg gelaufen bin. Da habe ich mir fest vorgenommen: Wenn ich nach Hause komme, mache ich ein Album fertig. So ist „Karton“ entstanden. Und über weitere Zufälle habe ich einen Plattenvertrag bekommen.

Hast du damals schon auf Deutsch gesungen?
Ich habe auf Englisch angefangen. Als ich 13 war, wurde deutscher Hip-Hop cool. Da gab es die ersten Platten von „Freundeskreis“ und den „Fanta 4“. So wechselte ich zur deutschen Sprache, auch mit meiner Schulband. Eine Rock- band aus der Pfalz, die auf Deutsch singt, gab es damals noch nicht so oft. Deswegen dachten wir auch, dass wir total berühmt werden, aber das stimmte nicht ganz [lacht].

Heute kennt dich fast jeder. Wie fühlt sich das an?
Ich habe das Glück, dass bei mir alles nacheinander passiert: Bisher hat sich meine Karriere mit jedem neuen Schritt gesteigert, so konnte ich mich ans Bekanntsein gewöhnen. Doch jedes Album ist ein Abenteuer: „Bauch und Kopf“ haben wir mit einem Symphonieorchester aus 80 Musikern aufgenommen, die alles live eingespielt haben. Für die Aufnahmen der „Tape“-Platte sind wir um die Welt geflogen: Wir waren in New York, in London und haben mit den Streichern von Adele zusammengearbeitet. Jeder meiner Songs hat etwas Besonderes.

Wie sieht ein typischer Tour-Tag bei dir aus?
Unsere aktuelle Tour ist bisher die Größte: Bühne und Technik sind auf fünf LKW verteilt, die Crew und Band sind mit fünf Bussen unterwegs. Um fünf Uhr morgens baut die Crew bereits die Bühne auf, damit wir um 15 Uhr unseren Soundcheck machen können. Zwischendurch gebe ich Interviews. Eine Stunde vor dem Konzert steht bei uns die sogenannte Band-Stunde an. Es gibt dafür feste Rituale: Beispielsweise wird immer einer ausgesucht, der ein Referat über die jeweilige Stadt halten muss, in der wir gerade sind. Es ging mit ein paar Infos von Wikipedia los. Mittlerweile gibt es Collagen, Texte in Reimform und Gastredner. Dann geht’s zweieinhalb Stunden auf die Bühne. 2018 wird es aber ein konzertfreies Mark-Forster-Jahr geben. Doch ich habe schon angefangen, an meinem neuen Album zu arbeiten. Ich weiß noch nicht, wann es kommt – aber definitiv 2018.

Das Interview führte Romy Schönwetter

„Wir sollten uns viel öfter unrealistischen Quatsch vorstellen – und ihn dann wirklich umsetzen.”
Mark hat seine Träume immer fest im Blick. Seine neue Single „Kogong“ wollte er unbedingt in den berühmten Londoner Abbey Road Studios aufnehmen. Und tatsächlich sitzt er wenig später in Studio 2, in dem auch die Beatles ihre Lieder eingesungen haben.
Mark Forster on Stage
Fast wie in der Schule: Vor jedem Konzert hält ein Bandmitglied ein Kurzreferat über die Stadt, in der Mark gerade auftritt.
Mark Forster bei „The Voice Kids“
Mark Forster ist nicht nur Jurymitglied der erfolgreichen Castingshow „The Voice Kids“. Seit 2017 ist er auch als Juror bei „The Voice of Germany“ zu sehen.
Titel: ganz persönlich Abi-Schnitt: Habe ich vergessen, ich hab’s nicht so mit Zahlen [lacht]. 
+++ Für unter 5 Euro macht man dir eine Freude mit... den Mandel-Kringeln, die es in türkischen Bäckereien gibt. +++ Wie viele Caps besitzt du? Die hab ich noch nie gezählt. 200 vielleicht. Im Büro stehen meistens zwei Kartons voll. +++ Welchen Musikpreis möchtest du gerne gewinnen? Egal welchen. Ich bin der Leonardo DiCaprio der Musikpreisszene, ich habe noch nie einen gewonnen. +++ 
Am meisten nerven dich... Staus. Je näher der Stau an Zuhause ist, desto schlimmer. +++ Das darf auf keiner Tour fehlen: Mein Taschen-Inhalator mit Kochsalzlösung. Vor und nach dem Konzert bedampfe ich damit meine Stimmbänder. Seitdem ich den habe, ist mein Leben um einiges leichter geworden. 
+++ Aktueller Lieblingssong: Chicago mit „If You Leave Me Now“, der ist Balsam für die Seele.

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