„Vor 10.000 Konzertbesuchern
konnte ich mehr ich selbst sein
als in der Schule“

Judith Holofernes hat vor zehn Jahren die Band „Wir sind Helden“ mit gegründet. Für absolut°karriere erinnert sie sich an ihr Abitur und den ersten Tag als Studentin

Schriftstellerin wäre Berufswunsch Nummer zwei gewesen. Dass Judith Holofernes schreiben kann, beweist sie in den Texten für „Wir sind Helden“

Schüler in ganz Deutschland bereiten sich derzeit aufs Abitur vor. Welche Schule, durch die Du gegangen bist, war für Deine persönliche Entwicklung eigentlich die beste?
The school of hard knocks! Nee, Quatsch. Im Ernst: Ich war zeitweise Mitglied einer sehr obskuren kleinen Schule für Songwriter. Das war toll. Wir haben uns den ganzen Tag gegenseitig Lieder vorgespielt und die dann auseinandergenommen.

Und wie war das während Deiner Abizeit? Bist Du gerne zur Schule gegangen?
Geht so. Für mich war die Schule immer ein Spagat. Ich hatte ziemlich gute Noten und das Lernen ist mir leicht gefallen – und das, obwohl ich noch nicht mal eine Nerdbrille und X–Beine hatte, um das sozial akzeptabel zu machen. Trotzdem wollte ich, dass mich alle lieb haben. Wie das nun mal so ist.

Was hast Du gemacht, um von allen geliebt zu werden?
Ich habe total überkompensiert. Vor allem durch Kiffen und diverse Klassenclownerien. Aber auch, indem ich die Leute durchs Abitur geprügelt habe, die mich heute wahrscheinlich immer noch einen Streber nennen.

Hattest Du ein Lieblingsfach?
Ich hatte zwei: Philosophie und Musik. Die einzigen Fächer, bei denen ich die Bedeutung für mein eigenes Leben direkt einsehen konnte.

Wie hat sich das geäußert?
Ich hatte eine großartige Musiklehrerin. Eine sehr inspirierende, lebendige, freudvolle Person, die es geschafft hat, meiner Musikleidenschaft einen Platz in ihrem Unterricht zu geben. Sie war es auch, die mich zu meinen ersten „Gesangssoli“ im Chor und damit zu meinen ersten Auftritten vor Publikum überredet hat.

Gab es noch andere Lehrer, die Dich auf der Oberstufe begeistert haben?
Sehr geliebt habe ich auch meinen Mathelehrer, der mir irgendwann eröffnet hat, ich dürfte Mathe einfach nicht so ernst nehmen. Alle anderen Mathelehrer vor ihm haben mir für meine Eltern immer Briefe mitgegeben, in denen stand, dass ich die Mathematik nicht ernst genug nähme. Seit diesem Tag hatte ich keine Angst mehr vor Zahlen.

In welchem Fach hast Du gar keinen Sinn gesehen und es geschwänzt?
Erdkunde. Mir hat eine Schulfreundin neulich gesagt, wir hätten bis zum Abitur Erdkunde gehabt, aber ich kann mich nicht daran erinnern.

Vor zwei Jahren habt ihr mit der Band ein „Wir sind Helden“-Tagebuch veröffentlicht. Was magst Du eigentlich lieber: Sprache oder Musik?
Beides zusammen! Da wo Sprache und Musik zusammenkommen entsteht Magie, und nur so kann ich Sachen sagen, die weder ein Gedicht noch ein Instrumentalstück sagen könnten.

Dein Part bei Wir sind Helden sind die Texte. Hast Du auch damals schon alles – wie es in Eurem Song „Denkmal“ heißt – „mit Parolen beschmiert“?
Ja. Meine Schultasche, meinen Tisch, die Wände, die Tischtennisplatten auf dem Schulhof und in Parks, meine Hefte, meine Bücher, meine Kleider.

Rückblickend gesehen: Wovor hattest Du mehr Angst – vor der Abiturprüfung oder vor dem ersten Konzert mit mehr als 10.000 Besuchern?
Abiturprüfung! Weil ich vor 10.000 Konzertbesuchern mehr ich selbst sein konnte als in der Schule.

Welchen Beruf hättest Du heute, wenn das mit der Gesangskarriere nicht so geklappt hätte?
Mit etwas Glück Schriftstellerin. Journalistin ist aber wahrscheinlicher. Ich hatte tatsächlich schon einige Praktika in dem Bereich gemacht. Zum Beispiel bei der ARD-Magazinsendung Polylux und beim Berliner Stadtmagazin zitty.

Du warst also Praktikantin in Berlin. Eine von vielen tausend. Warum gerade in der Hauptstadt und nicht im beschaulichen Schwarzwald?
Ich habe zwar in Freiburg gelebt und Abi gemacht, bin aber in Berlin geboren. Ich dachte jahrelang, dass ich woanders hin möchte. Ich habe mich innerlich sogar richtig gegen diesen Berlin-Hype gewehrt. Eine Weile lang wollte ich nach England, um dort am Liverpool Institute of Performing Arts zu studieren.

Du wolltest? Hat es nicht geklappt?
Zum Glück nicht! Sonst hätte ich wohl nie angefangen, deutsche Texte zu schreiben. Als der England-Plan gescheitert ist, wollte ich aber unbedingt einen neuen haben. Und zwar schnell. Der Plan hieß dann Berlin. Und ganz gegen meinen Willen hab ich mich dort sofort wieder zuhause gefühlt.

Warst Du damals auch an einer Uni eingeschrieben?
Ja, das war ich. In Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik.

Echt? Passt das zu Dir?
Ehrlich gesagt dachte ich, dass ich mir da nen Lauen machen und nebenher viel Musik produzieren könnte. Das hatte ich sogar in der Studienberatung explizit gefragt. Und dann dachte ich, das Studium hätte halt auch irgendwie mit Journalismus zu tun. Das hat sich relativ schnell als fataler Fehler herausgestellt.

Ab wann war Dir klar, dass Du das Studium nicht zu Ende bringen wirst?
Im ersten Semester. Nein: In der ersten Vorlesung. In dem Moment, als ich gemerkt habe, dass es nur um Werbung geht und dass die meisten der Einser-Abiturienten um mich herum sozial gesehen so dumm waren, dass es geraschelt hat, wenn sie den Kopf geschüttelt haben.

Heute bist Du 34 Jahre, verheiratet und hast zwei Kinder. Hat sich das auch auf Deine Musik ausgewirkt?
Vielleicht ist sie etwas introvertierter geworden. Ich genüge mir mehr selbst, seit die Kinder da sind. Und ich habe kein sooo großes Sendungsbedürfnis mehr. Aber vielleicht kommt das wieder!

Die Judith aus dem Alten Testament köpft Holofernes und rettet so ihre Heimatstadt Betulia. Wen rettest Du?
Im Moment: mich selbst.

Welche Songzeile widmest Du unseren Leserinnen und Lesern?
The Geek shall inherit the earth.

Das Interview führte Christian Hutter

„Ich habe total überkompensiert. Vor allem durch Kiffen und diverse Klassenclownerien. Aber auch, indem ich die Leute durchs Abitur geprügelt habe, die mich heute wahrscheinlich immer noch einen Streber nennen.”
Schon immer heldenhaft – Judith Holofernes war trotz guter Noten bei ihren Mitschülern beliebt.
Die Band gibt es schon seit 2000. Hier rocken „Wir sind Helden“ bei einem Auftritt in Bonn
Judith Holofernes während des ersten Konzertes der Band „Wir sind Helden“ nach 2-jähriger Pause im Lido in Berlin (04.08.2010)
Die vier Helden v.l.n.r.: Mark Tavassol, Jean-Michel Tourette, Pola Roy, Judith Holofernes
Titel: ganz persönlich Spitzname: Bambi Valente +++ Abi-Notendurchschnitt: 1,2 +++ Hobbies: Amerikanische und englische Fernsehserien gucken +++ Erstes Geld verdient mit: Straßenmusik! +++ Lieblingsessen: Dunkle Schokolade +++ Zu Hause ausgezogen mit: Gerade noch 18 +++ Lieblings-App auf dem Smartphone: Ich muss erstmal lernen, wie das Scheißteil überhaupt funktioniert. Fragt mich nächstes Jahr. +++ Die drei wichtigsten Eigenschaften für eine erfolgreiche Karriere als Musikerin: Eigensinn – weil man sonst nichts Interessantes erschaffen kann, Strahlkraft – weil es sonst keinen so richtig berührt, Liebe – weil man den Job sonst nicht lange macht +++ Ihr ganz persönliches Wunder: Dass ich es irgendwie geschafft habe mit zwei kleinen Kindern eine, Verzeihung, so wahnsinnig schöne Platte zu schreiben und aufzunehmen. Musste mal raus.

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