„Journalismus ist ein Traumberuf“

3,8 Millionen Fernsehzuschauer sind jeden Sonntagabend dabei, wenn Anne Will in ihrer gleichnamigen ARD-Sendung Deutschlands wichtigste Politiker ins Kreuzverhör nimmt. Im Interview mit absolut°karriere-Redakteur Dr. Jan Philipp Burgard verrät sie ihr Erfolgsgeheimnis und sagt, wie man sich schon während der Schulzeit auf eine Karriere in den Medien vorbereiten kann

Seit vielen Jahren vor der Kamera: Mittlerweile talkt Anne Will nicht mehr in der ARD, sondern beim NDR

Als Kind wollten Sie eigentlich Schreinerin werden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Journalistin werden wollen?
Mit dem Berufswunsch Schreinerin wollte ich wohl eher meinen Vater beeindrucken, der eine Schreinerlehre gemacht hatte, bevor er Architekt wurde. Außerdem liebte ich den Geruch von Leim und Holz. Aber irgendwann hatte der Werkzeugkasten als Spielzeug ausgedient. Mit 16 wurde mir klar, dass ich als Journalistin die große weite Welt entdecken, im Team arbeiten und viele spannende Menschen treffen könnte.

Heute empfangen Sie in Ihrem Fernsehstudio sogar die Bundeskanzlerin zum Interview. Was muss man draufhaben, um Top-Politiker ins Kreuzverhör zu nehmen?
Ich muss inhaltlich sehr gut vorbereitet sein und eine genaue Idee haben, was das Interviewziel ist. Im Gespräch selbst sollte man klare, einfache Fragen stellen und die Frageform immer mal wieder wechseln. Außerdem hilft die „Schraubstock-Technik“. Wenn ein Politiker ausweicht, wiederhole ich dieselbe Frage notfalls dreimal, bis alle merken, dass sich der Politiker um die Antwort drückt.

Was war Ihr schönster Fernseh-Moment?
Während meiner Tagesthemen-Zeit haben wir mal eine Geschichte über das Schicksal einer Flüchtlingsfamilie gemacht, die ins Kirchenasyl gegangen ist. Durch unsere Berichterstattung wurde der Familie endlich geholfen.

Verraten Sie uns auch Ihre größte Panne?
In einer meiner ersten Sportsendungen erschien der eingeladene Studiogast einfach nicht. Damals war ich Ende 20, noch ziemlich unerfahren, und musste plötzlich fünf Minuten überbrücken. Im Fernsehen sind fünf Minuten Improvisation eine Ewigkeit. Ich stammelte herum und landete in jeder dieser Pannensendungen, die am Jahresende im Fernsehen laufen. So habe ich gelernt, auf Ausnahmesituationen gut vorbereitet zu sein.

Sie moderierten als erste Frau die Sportschau, waren auch „Miss Tagesthemen“. Ihre Arbeit wurde inzwischen mit zahlreichen Preisen geehrt. Was haben Sie besser gemacht als Ihre Konkurrenten?
Journalismus ist ein Handwerk, und an diesem Handwerk habe ich gearbeitet. Ich habe verstanden, an welchen meiner Schwächen ich arbeiten muss, ohne dabei meine Stärken aus dem Blick zu verlieren. Außerdem habe ich früh angefangen. Die Erfahrungen, die ich damals gemacht habe, helfen mir noch heute.

Was muss man können, um die Anne Will von morgen zu werden?
Zuerst einmal: Vielseitiges Interesse. Außerdem sollte man eine klare Haltung haben, zu der man steht. Das sind Eigenschaften, die einem durch das ganze Berufsleben tragen werden.

Muss man eigentlich immer eine Eins in Deutsch haben, um Journalist werden zu können?
Nein, aber natürlich ist ein gutes Ausdrucksvermögen wichtig. Denn es ist ja die Kerntätigkeit eines Journalisten, über sehr komplizierte Zusammenhänge verständlich zu reden oder zu schreiben. Ansonsten halte ich aber nichts davon, Noten an berufliche Chancen zu koppeln. In diesem Beruf geht es um Talent. Und man sollte Spaß an der Sache haben. Ein weiterer Tipp: Man sollte sich schon früh ausprobieren. Wer erst nach dem abgeschlossenen Studium auf die Idee kommt, „irgendwas mit Medien“ zu machen, hat schlechte Karten.

Was kann denn ich als Schüler tun, um mich auf eine Laufbahn in den Medien vorzubereiten?
Die Mitarbeit bei einer Schülerzeitung ist eine gute Möglichkeit, um zu lernen. Auch ein Praktikum bei einer Lokalzeitung kann sehr lehrreich sein. Ich bin als freie Mitarbeiterin für die Kölnische Rundschau mit großem Spaß über die Dörfer gedüst, um Schützenkönige zu interviewen.

Sie werden von vielen geliebt, müssen aber auch Kritik einstecken. Muss man als Journalist ein „harter Hund“ sein, um damit umgehen zu können?
Nein, überhaupt nicht. Einen guten Journalisten macht doch gerade seine Empfindsamkeit aus, ein gewisses Maß an Empathie. Immer den „harten Hund“ zu geben, wäre der Sache nicht dienlich.

Sie stehen ja inzwischen schon viele Jahre vor der Kamera. Haben Sie vor einer Sendung trotzdem noch Lampenfieber?
Nein, ich habe nie zu Nervosität und Lampenfieber geneigt. Meine Anspannung vor einer Live-Sendung ist so groß wie vor einem beliebigen Telefonat. Aber kurz bevor die Kameras angehen, bin ich hoch konzentriert und gehe im Kopf das Konzept der Debatte noch einmal durch.

Wie entspannen Sie sich?
Beim Sport. Ich laufe gerne und mache Pilates und Gymnastik, um körperlich fit zu bleiben. Außerdem treffe ich mich gerne mit Freunden und kann auch in ausgedehnten Urlauben gut abschalten.

Stellen Sie sich vor, Sie wären noch einmal 18. Was würden Sie nach dem Abi tun?
Ich würde wieder ein Studienfach wählen, das mich interessiert: zum Beispiel Geschichte. Danach würde ich mich um eine satte journalistische Ausbildung bemühen. Bei mir war das ein Volontariat, also eine eineinhalb-jährige Redakteursausbildung beim Radio. Das könnte heute aber auch der Besuch einer Journalistenschule sein. Auch ein Job als freier Mitarbeiter für eine Zeitung hilft sehr.

Was würden Sie anders machen?
Versuchen, während der Schulzeit oder während des Studiums ein Jahr ins Ausland zu gehen und dort meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Diese Erfahrung vermisse ich heute.

Warum haben Sie nach Ihrem Abitur gerade diese Studienfach-Kombination gewählt?
Geschichte, Politik und Englisch waren schlicht und ergreifend die Fächer, die mich am meisten interessiert haben. Aber ich habe mir davon auch versprochen, sehr viel von dem zu lernen, was man als Journalistin gut gebrauchen kam.

Welche Vorteile, welche Nachteile brachte Ihr geisteswissenschaftliches Studium mit sich?
Im Studium habe ich gelernt, strukturiert zu arbeiten, Zusammenhänge und Bezüge herzustellen und schnell das Wesentliche auch aus furchtbar langen Texten herauszufiltern. Das ist für meinen Beruf enorm hilfreich. Der Nachteil war vielleicht, dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte, stundenlang in Bibliotheken zu sitzen. Deshalb war klar: Ich muss mein Studium möglichst schnell abschließen und etwas Handfestes machen.

Welches Fach raten Sie Abiturienten zu studieren?
Studiert das, was Euch am meisten interessiert, unbedingt auch im Ausland – und nutzt die Gelegenheit, nebenbei in die verschiedensten Jobs hinein zu schnuppern. Und das alles nicht nur, um tolle Referenzen und Zeugnisse vorweisen zu können, sondern vor allem, um herauszufinden: Was liegt mir, was habe ich mir ganz anders vorgestellt, usw. Kurzum: Studieren und probieren – dann kann eigentlich nichts schiefgehen.

Das Interview führte Dr. Jan Philipp Burgard

„Die Mitarbeit bei einer Schülerzeitung ist eine gute Möglichkeit, um zu lernen. Auch ein Praktikum bei einer Lokalzeitung kann sehr lehrreich sein.”
Eine Eins in Deutsch muss nicht immer sein. Wer Journalist werden möchte, braucht aber ein gutes Ausdrucksvermögen.
In ihrem Fernsehstudio empfing Anne Will neben anderen Top-Politikern auch schon Angela Merkel
Anne Will war mehrfach Gast auf der absolut°karriere-Messe TRAUMBERUF MEDIEN. Dort gibt sie ihre Erfolgsgeheimnisse an euch weiter
Anne Will ist kein „harter Hund“. Das schätzen Fans und Talkpartner an ihr
Titel: ganz persönlich

Spitzname: Willi +++ Als Kind wollte ich: Schreinerin werden 
+++ Das macht mir Spaß: Sport, Freunde treffen, Urlaub
 +++ Erstes Geld verdient mit: Zeitung austragen 
+++ Lieblingsessen: Pasta mit Gemüse +++ 
Zuhause ausgezogen mit: 19 Jahren 
+++ Abi-Note: 1,5 
+++ Album, dass Sie sich zuletzt gekauft haben: „Reality Killed the Video Star“ von Robbie Williams
 +++ Glücksbringer: ein Ring

Für unseren Ratgeber „Wege in den Traumberuf Journalismus“ hat Anne Will noch mehr Tipps für den erfolgreichen Start in die Karriere als Journalist auf Lager.

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