Kluge Köpfe

Sie räumen regelmäßig erste Preise bei „Jugend forscht“ ab, leben im Internat und haben auch samstags Unterricht: die Schüler von Sankt Afra, dem Sächsischen Landesgymnasium für Hochbegabte. Fünf Schüler erzählen von „Laberfächern“ und verraten, warum Naturwissenschaften der Knaller sind. Trotzdem finden sie: So langsam reicht’s mit Schule.

Autorin: Romy Schönwetter // Fotograf: Daniel Biskup für absolut°karriere

Artur, Elly, Maximilian, Agnes und Jo-To (v.l.n.r.) haben ein Faible für Naturwissenschaften – und gehen aufs Hochbegabten-Gymnasium in St. Afra.
Artur, Elly, Maximilian, Agnes und Jo-To (v.l.n.r.) haben ein Faible für Naturwissenschaften – und gehen aufs Hochbegabten-Gymnasium in St. Afra.

Weniger labern, mehr forschen:
Elly Straube, 18


Elly hat in diesem Jahr bei „Jugend forscht“ Platz 1 auf der Regional- und Platz 2 auf der Landesebene gewonnen. Mathe, Physik und Chemie als Leistungskurs, Bio als Grundkurs: Elly mag wirklich alle Naturwissenschaften. Warum? „Man kann forschen und Daten erheben“, erzählt die 18-Jährige. „Laberfächer wie Geschichte sind absolut nicht meins.“ Wissenschaftliches Arbeiten steht in Sankt Afra schon in der achten Klasse auf dem Stundenplan. Manch anderer lernt das erst an der Uni. Viele Afraner schreiben auch freiwillig eine BeLL (Besondere Lernleistung). Ellys BeLL umfasst 40 Seiten und widmet sich dem Thema „Mikrotubuli“ (Na, wer hat in Bio aufgepasst?). Damit lässt sich sogar ein mündliches Abitur-Fach ersetzen. „Und sie eignet sich perfekt, um bei ‚Jugend forscht‘ mitzumachen“, sagt Elly. Zwar fand sie ihre Schulzeit toll, aber „so langsam reicht’s. Ich will jetzt endlich das machen, worauf ich mich schon lange freue: ‚Verfahrenstechnik‘ an der TU Dresden zu studieren.“

Ellys Hobby ist der Orientierungslauf. Mit Karten, Kompass und einem eChip muss man dabei eine vorgegebene Route so schnell wie möglich ablaufen.


Mit Herz und Verstand:
Agnes Mühle, 17

Agnes hat einen Traumberuf: Rechtsmedizinerin. „Mein Vater meinte im ersten Moment dazu, ich hätte zu viele Krimis geschaut“, erzählt sie und lacht. „Doch mich begeistert, dass man in diesem Job nie auslernt und ich meiner Leidenschaft für Toxikologie nachgehen kann.“ Agnes Vater ist Mediziner, die Mutter Pharmakologin: Die Leidenschaft für Naturwissenschaften liegt bei Agnes einfach in der Familie. „Bio und Chemie sind Fächer, bei denen es extrem viel zu entdecken gibt. Es ist rational und klar. Für jedes Problem gibt es eine Lösung“, beschreibt Agnes ihre Liebe zu Naturwissenschaften. Wenn sie zwischendurch doch einmal eine Pause von Enzymen und Ligasen einlegt, spielt sie Querflöte, Gitarre oder Klavier. Die Musik ist Agnes’ ganz persönlicher Rückzugsort. Hier kann sie abschalten, wenn sie vom Internatsleben eine Auszeit braucht.

Lieblingssprache Russisch: In der 10. Klasse hat Agnes drei Monate in Sibirien verbracht – bei Minus 37 Grad. Dort hat die Perfektionistin gelernt, Dinge entspannter zu sehen.


Von Dresden in die Welt:
Artur Mittring, 18

Als er in der siebten Klasse die erste Nacht im Internat verbrachte, konnte Artur nicht schlafen. Aber nicht, weil er Heimweh nach seiner Familie in Dresden hatte. Sondern weil er sich so auf die Schulzeit in Sankt Afra freute. „Schulisch war es dann genauso, wie ich es mir vorgestellt habe“, erinnert sich Artur. „Man schafft mehr Stoff in weniger Zeit.“ An seinem alten Gymnasium fühlte er sich unterfordert. Er ist genau der Typ für die „individuelle Hochbegabtenförderung“, die am Sächsischen Landesgymnasium gelebt wird. In der 10. Klasse nimmt er am Frühstudium der TU Dresden teil und besucht die Vorlesung „Methoden der Gentechnologie“. Klar sei das Niveau an der Uni hoch, aber er hat sich durchgebissen. Und profitiert vom gelernten Uni-Stoff in seinen Lieblingsfächern Bio und Chemie. Artur kann sich gut vorstellen, später Medizin zu studieren. Er hat sich sogar bereits an der „University of Chicago“ beworben – da steht er derzeit auf der Warteliste. Ein Studium in den USA, das wär’s.

Highlight Praktikum: An der Uniklinik in Dresden konnte Artur Ärzten im OP-Saal über die Schultern schauen.


Um die Welt:
Maximilian Häntzschel, 18
In der zehnten Klasse war Maximilian in Shanghai und ist noch immer total von der 25-Millionen-Einwohner-Stadt begeistert. In Sankt Afra haben die Schüler die Chance, für drei Monate ins Ausland zu gehen. „Ich interessiere mich sehr für internationale Beziehungen, Politik und Völkerrecht. Recht ist das, was unsere Gesellschaft zusammenhält und worauf sie sich gründet“, erzählt der 18-Jährige mit leuchtenden Augen. In diese Richtung möchte Maximilian beruflich gehen. Sein Ziel: Europäischer Jurist werden. Auch deswegen macht er zusätzlich zum Abi das „Internationale Baccalaureate“. Das bedeutet knapp sieben Stunden mehr Arbeit pro Woche. Doch es öffnet ihm den Weg zur internationalen Karriere. „Und zwei Abschlüsse sind cool, das hat nicht jeder.“ Eigentlich stammt seine Familie aus dem beschaulichen Erzgebirge. Doch seine Eltern sind Lehrer und unterrichten auf der ganzen Welt an deutschen Schulen. So hat Maximilian vier Jahre in Mexiko gelebt – bis er sieben Jahre alt war. Er hat ein Faible für Sprachen: Er spricht Altgriechisch, Latein, Spanisch, Englisch und Chinesisch. An seinem Französisch arbeitet er noch. Als Ausgleich zum Denksport ist er gerne aktiv. Eines seiner liebsten Hobbys: das Jonglieren. Hat er übrigens auch schon mal mit drei Äxten ausprobiert. Zum Glück sind noch alle Finger dran.

Bei „Jugend forscht“ wurde Maximilian im Landesfinale Zweiter. Chemie mag er. Doch noch mehr interessiert er sich für internationale Politik.


Der Wissbegierige:
Johann-Tobias Schäg, 17

„In mir steckt ein kleiner Nerd“, sagt der 17-Jährige über sich selbst. Aber ganz im positiven Sinne. Er schwärmt von Informatik wie andere in seinem Alter von schnellen Autos. Beim Thema Kybernetik fangen seine Augen an zu leuchten und über sein Hobby, das Programmieren, redet er ohne Punkt und Komma. Jo-To, so wird er am liebsten genannt, ist einer von 300 Schülern in Sankt Afra, die sich im Vergleich zu anderen Gymnasiasten einfach nur ein bisschen mehr für Naturwissenschaften begeistern. Er sammelt Wissen wie andere Lego-Bausätze. „Mir macht es Spaß, mich in theoretische Konzepte zu vertiefen. Ich denke mir immer: Wer weiß, wann man es mal braucht.“ Apropos Lego: Dieses Jahr hat er gemeinsam mit seinem Team bei der „First Lego League“ mit einem selbstgebauten Roboter Platz 4 belegt. Dass er sich für so viele Dinge begeistert, hat aber auch einen Haken. Er kann sich einfach noch nicht entscheiden, was er studieren möchte.

Jo-Tos letztes Sammlerstück ist von seinem Opa – ein Kassetten-Diktiergerät.

Nur für Hochbegabte

Wer auf das Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra gehen möchte, muss sich bewerben – mit Empfehlungsschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen. Ach ja: Hochbegabt muss man sein. 


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