So cool sind unsere Eltern

Studien sagen, dass immer mehr Schüler immer weniger Probleme mit ihren Eltern haben. Wir wollten wissen, ob das stimmt – und haben drei Familien mit drei komplett verschiedenen Lebensentwürfen zu Hause besucht


Bildergalerie: Die Rocker im Reihenhaus

    • Die Rocker im Reihenhaus
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Madita und Niklas müssen lange überlegen. Nein, eigentlich fällt ihnen nichts ein, was ihre Eltern anders machen sollten. Sie sind cool so, wie sie sind. Die Eltern, das sind Fabian, 50, und Andrea Leibfried, 43, Herausgeber des Musikmagazins „Good Times“ aus dem kleinen Hochdorf nahe Stuttgart. Die schwäbische Reihenhaussiedlung versprüht hier alles andere als den Charme von Rock’n’Roll. Andrea aber, im lockeren Holzfällerhemd und Fabian, blondes Wuschelhaar, erzählen von ihren „Feschtle“ auf dem Gartengrundstück, die sie genauso oft feiern wie ihre Kinder, von Konzerten unter der Woche und Musikern, die im Haus ein und aus gehen.

Lernen sogar freiwillig: Madita und Niklas Leibfried

Auch in der schulischen Erziehung geht es bei Liebfrieds friedlich-locker zu. Bis zur zehnten Klasse war Niklas, jetzt 12. Klasse, wegen einer Lese- und Rechtschreibschwäche auf der Realschule, „um den Druck vom Jungen zu nehmen“. Dann half die Oma beim Üben, Niklas wurde immer besser, schrieb Einsen und Zweien und entschied sich, drei Jahre auf dem Wirtschaftsgymnasium hinterherzuschieben. Madita dagegen ging gleich aufs Gymnasium und ist heute in der 10. Klasse. An Ärger wegen schlechter Noten können sich beide nicht erinnern.

Andrea und Fabian haben ihre Schullaufbahn auf dem Gymnasium abgebrochen und konnten doch ihre „beruflichen Träume erfolgreich verwirklichen“. Verträumt sei sie gewesen, erzählt Andrea, „im Kopf oft bei den Pferden, anstatt in der Mathestunde“. In der siebten Klasse wechselte sie auf die Realschule, machte ihren Abschluss und dann eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau, ganz wie es ihr Vater wünschte. Im Vertrieb der Motorpresse lernte sie ihren künftigen Mann kennen. „Wir bewundern unsere Kinder: Die sitzen oft am Wochenende am Schreibtisch und lernen“, erzählt sie voller Erstaunen, und Fabian fügt hinzu: „Das gab’s bei uns gar nicht.“ Er selbst blieb auf dem Gymnasium in der zehnten Klasse sitzen, schloss dann die Schule mit dem Realschulabschluss ab. Es folgte eine „ziemlich coole Bankkaufmannausbildung bei Wüstenrot“, denn er habe nur ein einziges Mal Anzug und Krawatte tragen müssen – zur Prüfung. Fabian war „Musikfreak“, kaufte alte Bravos auf und verkaufte sie wieder. 2008 übernahm er dann das Magazin „Good Times“. Heute arbeitet Andrea mit ihm im gemeinsamen Büro.

Ob sie als Oldierocker überhaupt je erwachsen werden? Nein, meint Fabian schnell, fügt dann aber zögernd hinzu, dass auch er in sich dann und wann den Spießer entdecke: „Ich liebe es, meinen Rasen hinter unserem Doppelhaus zu pflegen“. Und Andrea meint, dass die Verantwortung für die Kinder sie schon hat erwachsen werden lassen. Die kamen früh, Andrea war erst 24 Jahre alt. Heute nehmen die Kids sich ihre Eltern zum Vorbild: Niklas will Kommunikationswissenschaften studieren, Madita liegt das Grafische.

Good Times: das Magazin für Musik der 60er, 70er und 80er
Good Times: Magazin für Musik der 60er, 70er und 80er

Sie können sich gut vorstellen, den Musikverlag der Eltern zu übernehmen. Aber ob das „mit Vater und Mutter im Rücken funktioniert“, fragt sich Andrea schon manchmal. Der Familie werde dann schon etwas einfallen, meint Fabian. Entweder eine schnelle Übergabe, „oder die Kinder machen ihr eigenes Ding“. Wichtig sei, dass sie erst einmal einige Jahre etwas Eigenes machen, neue Menschen kennen lernen. Und dann müsste man das Good Times wohl etwas verjüngen, meint der angehende Kommunikationswissenschaftler Niklas. Der Zielgruppe aus den 60er, 70er und 80er Jahren geht nämlich langsam die Luft aus.


Bildergalerie: Ruhige Revoluzzer

    • Ruhige Revoluzzer
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Peace and Love waren auch die Themen von Regine und Peter Gitzen. Regine, heute 50, mischte in ihrer Heimat Stuttgart in der kirchlichen Friedensbewegung mit, ihre Schullaufbahn verlief „ziemlich geradeaus, mit kleinen Schwächen in den Naturwissenschaften.“ 1983 machte sie Abitur und ging nach Ravensburg, wo sie soziale Arbeit an der Fachhochschule studierte. Drei Jahre später lernte sie den gebürtigen Geroldsteiner Peter kennen. Der damals politisch engagierte Revoluzzer ist heute 54.

Regine und Peter haben sich im Studium kennengelernt
Regine und Peter haben sich im Studium kennengelernt

Peter hatte bereits einige Kämpfe hinter sich. Seine Eltern, Mutter Hausfrau, Vater Arbeiter in einer Fabrik, schickten den Jungen zur Hauptschule. Peter aber wusste schon in der fünften Klasse, dass er „das nicht wollte“ und wechselte auf die Realschule. Später aber hing er dann viel ab, debattierte „den Schmerz der Welt“, Schule war lästig. Peter engagierte sich als Klassensprecher, wollte etwas verändern. Nach dem Abschluss entschied er sich für eine Ausbildung zum chemotechnischen Assistenten. Später holte er die Hochschulreife nach, ging zum Ingenieursstudium nach Ravensburg, jobbte, war aktiv in der Studentenvertretung der Uni. Im letzten Semester lernte er seine Regine kennen.

Sie heirateten schnell, lebten aber eine lange Zeit zusammen, ohne Kinder zu bekommen. Regine wollte erst einmal in ihrem erlernten Beruf arbeiten, ein paar Jahre wohnten sie in Amerika, nach dem Auslandsaufenthalt kam Florin, danach der kleine Bruder Aron. Eigentlich hatte Regine immer von fünf Kindern geträumt, aber war das vereinbar mit der Überbevölkerung und überhaupt – der Schlechtigkeit der Menschen? Ideologische Fragen über Fragen. Peter arbeitete viel, Regine hatte alle Hände mit den Kindern und der Sozialarbeit zu tun und wechselte in die familienfreundlichere Schulsozialarbeit.

Florin (l.) und Aron (r.) haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern
Florin und Aron haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern

Streit mit den beiden Söhnen wegen der Schule gibt es auch bei den Gitzens nicht wirklich. Gerade in Mathe sei sie, Regine, schon „in der 7. Klasse ausgestiegen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man das alles wissen kann.“ Für Enttäuschungen gibt es beim Großen, dem Florin, sowieso kaum einen Anlass. „Manchmal bleibt er unter seinen Möglichkeiten, denn eigentlich kann er alles“, rügt der Vater höchstens einmal. Den Berufswunsch von Florin wolle man schon akzeptieren. Regine erinnert sich noch heute daran, wie der Vater ihr mit Arbeitslosigkeit drohte, als sie sich für die Sozialarbeit interessierte.

Aber auch Florin sollte sich überlegen was es bedeutet, Musiker zu werden. Darüber hatte der 18-Jährige vor einiger Zeit nämlich nachgedacht. Man schickte ihn zu einem Onkel, der dieses oft brotlose Hobby zum Beruf gemacht hatte – jetzt ist Florin wieder weg von der Idee und will erst einmal ins Ausland, am liebsten nach Spanien. Florin bewirbt sich für europäische Freiwilligendienste. Ob seine Eltern spießig sind? Nein, findet er nicht. Eltern, mit denen man auf einer Party Bier trinken und tanzen kann, sind doch nicht spießig. Und mehr in Ruhe lassen sollen sie ihn auch nicht. Wenn sie nachfragen, dann heißt das, dass sie sich Gedanken um ihn machen. Und das ist doch gut.


Bildergalerie: Drei Generationen auf dem Rinderhof

    • Drei Generationen auf dem Rinderhof
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Während bei den Gitzens viel verhandelt und besprochen wird, geht es auf dem Hof von Martin Lüdemann eher wortkarg zu. Hier im norddeutschen Lauenbrück lebt Martin, 43, mit seinen Kindern Swantje, 16, Jonas, 18, und den Großeltern. Die Familie betreibt einen Rindermastbetrieb. Martin ist „auf dem Trecker groß geworden“, das Abitur hat er „so nebenbei gemacht“. Seine Eltern konnten ihm nicht helfen, waren überfordert mit den Aufgaben aus der Schule. Mit seinem eigenen Sohn Jonas, der in die 12. Klasse der Waldorfschule geht, ist das anders: Gerade habe er, Martin, wieder eine Physikarbeit angeschaut. Elf Punkte hatte Jonas geschrieben, die Schule falle dem Sohn so leicht wie dem Vater damals. „Der Junge macht sein Ding“, auch ohne große Einmischung von seiner Seite.

Auf seinem eigenen Hof, wo viele Kinder aus dem Dorf zum Reiten vorbeikommen, beobachtet Martin aber auch Familien, bei denen das anders ist: „Manchmal laufen bei uns weinende Mädchen über den Hof, die zuhause Ärger bekommen wegen einer Drei Minus. Ich selbst bin doch froh über jede Drei, die meine Kinder mit nach Hause bringen.“ Kinder, die zwischen Schule und Klavierunterricht hin- und herrasen gäbe es auch hier, der Druck sei groß, auch auf dem Land. Und wenn sein eigener Sohn einmal null Punkte brächte? „Dann würden wir wohl gemeinsam darüber lachen. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass das schon einmal vorgekommen ist“, meint Martin. „Ich mache mir höchstens selbst Druck“, sagt auch Jonas. Er sei schon ehrgeizig und wäre bei einer schlechten Note wohl „bedrückter als mein Vater“.

Bei Jonas und Vater Martin gibt es keinen Ärger wegen schlechten Noten
Kein Ärger wegen schlechten Noten – bei Jonas und Martin

Von den klassischen Generationskonflikten ist auch zwischen Jonas und seinem Vater nichts zu spüren. Der Sohn ist von der Lebensweise seines Vaters angetan: „Ich hätte nichts dagegen, wenn mein Vater mir die Welt erklärt. Er ist wirtschaftlich fit, hat den Hof seines Vaters übernommen und ihn erfolgreich hochgepusht.“

Wenn sich Martin über seinen Sohn ärgert, dann wegen nicht eingehaltener Verabredungen. In den Osterferien sollte Jonas im Internet Goethes Faust bestellen, das Buch am Ende der Ferien fertig gelesen sein. Vier Tage vor Schulbeginn trudelte das Päckchen ein – zu spät bestellt. Aber Martins Ärger dauerte nicht lang: „Ich weiß ja, dass er dann eben zwei Nächte durchliest.“ Außerdem sei es bei ihm selbst kaum anders. Er habe Jonas damit gelockt, für den bestandenen Führerschein ein eigenes Auto zu kaufen. Als der Junge ihn vor kurzem an sein Versprechen erinnerte, hatte Martin gesagt: „Vielleicht fährst du erst mal eines der Autos vom Hof?“ Daraufhin war Jonas enttäuscht, das werde ja eh nichts mit dem eigenen PKW. Aber nun hat den Vater der Ehrgeiz gepackt. Demnächst ist die Prüfung, er ist auf der Suche nach einem passenden Auto für Jonas.

Fazit
Wer den drei Familien so zuhört, lernt trotz aller Unterschiede 
eines: Der Kampf gegen die Erwartungen im eigenen Elternhaus, ist bei vielen ein veraltetes Szenario. Und es ist kein Zufall, dass Jonas, Florin, Niklas und Madita ihre Eltern als lässig beschreiben. Damit gehören sie zu den mehr als 90 Prozent der Jugendlichen, von denen es in der jüngsten Shell-Studie heißt, sie hätten „ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern“ und seien mit deren Erziehungsmethoden einverstanden. Fast drei Viertel aller Jugendlichen wollen ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie selber erzogen wurden. So stehen Familien heute zusammen gegen den Druck von außen. Sie versuchen die vielen Möglichkeiten auszuloten, ohne die Beteiligten zu überfordern.

Autorin: Marie Amrhein

Drei Tipps für eine entspanntere Schulzeit

von Stephan Reuthner, Leiter der Schulberatungsstelle in Nürnberg

Planen Sie langfristiger – eine gute Prüfungsvorbereitung ist die beste Stressprävention. Entspannung, Sport oder die Lieblingsserie können helfen. Grundsätzlich gilt: Eine gesunde mittlere Anspannung ist förderlich, zu große Coolness dagegen hinderlich.

Eltern haben bis zum 18. Lebensjahr Anspruch auf Informationen zum Notenstand. Daneben sind Vertrauen und Transparenz die Grundlage jeder guten Beziehung. Schlechte Noten zu verheimlichen, kostet viel Energie.

Bei diesen Eltern gibt es immer irgendwann Konflikte. Hier haben aber eher sie als die Jugendlichen Beratungsbedarf. Sie sollten über – falsche – Vorstellungen von Nähe, Vertrautheit, wechselseitiger Verantwortung und Harmonie nachdenken.


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