Allein unter Mädchen

Ein Demi-pair-Aufenthalt gilt als traditioneller Mädchenjob. Kochen, putzen und sich um mehrere Kinder gleichzeitig kümmern. Mirco Cosentino (20) macht genau das: Er lebt seit über drei Monaten bei einer Gastfamilie in einer Kleinstadt nahe Perth, Australien – als männliches Demi Pair 

Mirco Consentino
Auf seinem Roadtrip in den Süden hat Mirco Cosentino auch bei der „Natural Bridge“ einen Halt eingelegt – und die Freiheit Australiens genossen

Ausgelassen
 tobt Mirco mit seinem 
Gastbruder Iggy durch den großen Garten der Familie Barrett. Der siebenjährige Blondschopf ist vom vielen Trampolinhüpfen völlig aus der Puste. „Weibliche Au-pairs haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie sich gerne mit den Kindern an einen Tisch setzen und Brettspiele spielen, aber nicht ausgelassen mit ihnen toben“, erzählt Lisa, Mircos Gastmutter, während sie den beiden zusieht. Doch genau das wünschen sich die Barretts von ihren männlichen Demi Pairs.

Demi Pair – als „großer Bruder“ nach Australien
Mirco ist mit vier Schwestern aufgewachsen, hat in Deutschland seinen eigenen Haushalt geführt und wollte nach dem Abi ins Ausland. Vor allem sein Englisch wollte er verbessern – für sein Traumstudium „International Business“, das er größtenteils auf Englisch meistern muss. „Ich bin eher der Typ, der Theorie und Praxis gerne verbindet. Mein Studium wird auch dual sein. Ich wusste anfangs gar nicht, dass es die Möglichkeit eines Demi-pair-Aufenthaltes gibt. Für mich ist es die ideale Kombination.“

Morgens paukt Mirco Grammatikregeln und Vokabeln in der Schule. Wenn er nachmittags nach Hause kommt, springen ihm die Kids schon entgegen. Dann wird Mirco zum großen Bruder. Demi Pair ist eine Variante des Au-pair-Aufenthaltes, verbindet aber den Alltag in einer Gastfamilie mit den Vorteilen eines Sprachkurses. Mirco arbeitet 15 Stunden pro Woche: Er kocht, kümmert sich um die Wäsche und spielt mit seinen vier Gastbrüdern zwischendurch auch Xbox. Dafür gibt es 75 Dollar Taschengeld pro Woche und jede Menge neue Erfahrungen. Und trotzdem: Mirco ist davon überzeugt, dass man es als männlicher Bewerber schwerer hat, eine geeignete Familie zu finden.

Weiblich – männlich. Gibt es da eigentlich einen Unterschied?

Gerade wegen der intensiven Kinderbetreuung entscheiden sich Gastfamilien im direkten Vergleich häufiger für weibliche Bewerberinnen. Sie gelten als einfühlsam und pflichtbewusst. Bei der Organisation Stepin sind 95 Prozent der Demi Pairs in Australien weiblich. Fünf Prozent sind Jungs. Mirco ist einer davon.

Mit vier lebhaften Söhnen haben Lisa und Fergus Barrett die Erfahrung gemacht, dass besonders männliche Demi Pairs sehr offen und aktiv sind. Für die Gasteltern ist die Rolle des großen Bruders wichtiger als die tägliche Hausarbeit. Vor allem junge Mädchen sind aus Mircos Sicht häufig schüchtern. „Ich gehe eher locker mit den Kids um. Zudem glaube ich, dass Mädchen sich schwer vorstellen können, mit den Jungs eine Stunde Xbox zu spielen. Mir hat das gefallen“, sagt Mirco lachend. Doch gerade als Junge muss man in diesem Job mit Vorurteilen umgehen können.

Klischees? Nein, danke!
Inkonsequent, von Haushaltsführung keine Ahnung und homosexuell. Das sind die häufigsten Klischees, mit denen männliche Demi Pairs konfrontiert werden. Mirco sitzt auf seinem Bett, im Hintergrund bellt der erst wenige Monate alte Welpe seiner sechsköpfigen Gastfamilie. Verlegen kratzt er sich am Kopf und lacht: „Es hat ziemlich schnell die Runde gemacht, dass ich ein männliches Demi Pair bin. Aber die Klischees treffen definitiv nicht auf mich zu. Ich kann gut mit Kindern umgehen, kann kochen und putzen. Aber schwul bin ich nicht.“ Unterschiede hin oder her: Am Ende kommt es allein auf die Persönlichkeit und das Engagement des Demi Pairs an. Und nicht auf das Geschlecht.

Zwischen Schule, Hausarbeit
 und Abenteuer
Auch wenn 15 Stunden pro Woche zunächst wenig klingen, ist der Alltag für Mirco oft stressig. Er steht um 6 Uhr früh auf, geht zur Schule und kümmert sich nachmittags um seine Gastbrüder. Für Mirco war die Demi-Pair-Entscheidung dennoch die beste, die er treffen konnte. Auch abseits der Arbeit hatte er viel Spaß. In den drei Monaten Aufenthalt war er mit Freunden campen oder ist mit Delphinen geschwommen.

„Ich habe viel unternommen. Natürlich ist das nicht billig. Für mich war klar, den Aufenthalt bestmöglich zu nutzen. Auch wenn das bedeutet, mein Erspartes auszugeben. Ich glaube, dass viele nur einmal im Leben die Chance haben, ein anderes Land so intensiv kennenzulernen“, sagt Mirco überzeugt. Genau deswegen hat er seinen Aufenthalt spontan verlängert. Mit einem Freund aus der Sprachschule reist er vier weitere Wochen durch Australien. Die vier letzten Tage vor seiner Heimreise will er wieder mit seiner Gastfamilie verbringen. Er wird sie vermissen.

Autorin: Romy Schönwetter

„Es hat ziemlich schnell die Runde gemacht, dass ich ein männliches Demi Pair bin. Aber die Klischees treffen definitiv nicht auf mich zu. Ich kann gut mit Kindern umgehen, kann kochen und putzen. Aber schwul bin ich nicht.”
Dass Mirco als männliches Demi Pair eher die Ausnahme ist, stört ihn nicht.
Als einziges männliches Demi Pair fühlt sich Mirco sichtlich wohl
Als einziges männliches Demi Pair fühlt sich Mirco sichtlich wohl

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